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Herr Dietz und die 700 RasenMÄÄÄH...er

Herr Dietz und die 700 RasenMÄÄÄH...er

Mit Schafen, so sagt es Markus Dietz, ist es so wie mit den Frauen: "Wenn du nicht aufpasst, dann machen sie mit dir, was sie wollen." Dietz muss es wissen. Er ist Schäfer und somit Herr über 700 Tiere. Wir haben ihn einen Tag lang begleitet und mit ihm über so manche spannende Frage des Lebens gesprochen.

Landscheid. Kennen Sie den schon? Sagt ein Schaf zum anderen: "Mäh!" Darauf das andere: "Mäh doch selbst!" Okay, das ist jetzt kein Brüller, da haben Sie schon recht. Aber als Einstieg für diese Reportage hier eignet er sich eigentlich ganz gut. In den folgenden Zeilen geht es nämlich um Schafe.
Nicht um zwei, wie in unserem kleinen Einstiegs-Gag, sondern um stolze 700. Es geht aber auch um Franz, Heinrich, den Wolf und diesen schrecklichen Unfall vor ein paar Jahren.Sympathischer Schäfer


Anfangen müssen wir allerdings mit Herrn Dietz. Er ist derjenige, ohne den das Ganze hier überhaupt nicht hätte aufgeschrieben werden können. Das liegt zum einen daran, dass Herr Dietz, der mit Vornamen übrigens Markus heißt, der einzige in dieser Geschichte ist, der mehr sagt als "Mäh" und "Wau", doch es liegt vor allen Dingen daran, dass Markus Dietz der Schäfer der 700 Schafe und gleichzeitig ein äußerst sympathischer und erzählfreudiger Eifeler ist. Der 49-Jährige sagt Sachen wie: "Bei meinen Schafen ist das wie in einem Eifeldorf. Wenn Sie da länger leben, kennen Sie irgendwann alle." Oder sowas: "Schafe sind wie Frauen: wenn du nicht aufpasst, dann machen sie mit dir, was sie wollen."
Markus Dietz steht auf einer Wiese unweit seines Heimatortes Landscheid im Landkreis Bernkastel-Wittlich. Die Spitze der Sankt-Gertrud-Kirche ist gut zu erkennen. Es ist Nachmittag. Die Sonne brennt vom Himmel. Die obersten Knöpfe seines karierten Hemdes hat der Schäfer geöffnet. Der gesunde Braunton seiner Haut lässt erahnen, dass dies nicht der erste Tag des Jahres ist, den Dietz in der Natur verbringt.
An diesem Mittwoch steht er seit neun Stunden auf der Wiese. "Los geht's im Sommer morgens meist so gegen neun Uhr", erzählt Dietz. Bis er abends dann seine Füße auf der Couch hochlegen kann, ist es meist 22 Uhr. "Ich könnte es einfacher haben, wenn ich irgendwo in einer Fabrik arbeiten würde: Dasselbe Gehalt, Urlaub, das ganze Programm - aber das will ich nicht." Er brauche das Leben mit und in der Natur, die Freiheit. Büroarbeit, das wäre nichts für ihn. "Hier draußen bin ich mein eigener Herr und habe ein Team, auf das ich mich verlassen kann."
Sein Team, das sind vor allen Dingen Franz, Paula, Ben, Tina und Bursche - allesamt Altdeutsche-Hütehunde. Drei hat er immer dabei, zwei bleiben zu Hause und haben frei. Heute sind Franz, Paula und Ben im Einsatz. Dietz hat seine Hüte-Helfer alle selbst ausgebildet. Franz ist der Erfahrenste. Der Achtjährige macht die meiste Arbeit. "Franz, gieh moal ganz riewer, ganz riewer", brüllt der Schäfer auf Platt. Seine Hunde sind echte Eifeler, würden sie sprechen können, sie bekämen kein Wort Hochdeutsch heraus. "Den Befehlen folgen sie nur, wenn sie die auf Platt bekommen", erklärt der Schäfer.Kommandos auf Platt


Während Dietz das erzählt, donnert Franz wie befohlen "ganz riewer" bis ans andere Ende der Wiese. Er soll einige Schafe der Herde einfangen, die mit ihren Lämmern vom rechten Weg abgekommen sind. Innerhalb weniger Minuten steht die gesamte Herde wieder um ihren Schäfer herum. Für Franz, dessen Zunge bis zum Boden hängt, gibt's ein "goode Jung" vom Chef. "Leckerchen kriegen meine Hunde nicht, ausschließlich Lob und Tadel in Form von Worten", sagt Dietz.
Aber nicht nur die Hunde gehören zu seinem Team. Auch die Schafe sind ein Teil davon. "Das ist wie mit normalen Kollegen im Büro", erklärt der 49-Jährige, "an manchen Tagen ärgern sie dich, aber meistens kommst du mit ihnen klar - ich hänge an meinen Tieren."
Dietz' wollige Teammitglieder teilen sich in zwei Gruppen: Merinolandschafe und Deutsche schwarzköpfige Landschafe. Der überwiegende Teil davon sind Lämmer und Mutterschafe. Darunter befinden sich nur sieben - und jetzt kommt ein spannender Begriff - "zum Einsatz gebrachte Böcke". In anderen Worten: Die sieben Herren sind für den Fortbestand der Herde zuständig. "Die haben ganz schön zu tun", sagt Dietz, "wenn man sich mal vorstellt, dass auf jeden Bock bis zu 70 Mutterschafe kommen".
Er muss lachen, als er das sagt. Dietz lacht viel. Er ist ein herzlicher Mensch. Sein Blick ist freundlich, seine Augen immer aufmerksam. Was um ihn und seine Herde herum passiert, registriert er genau. So wie jetzt, als er gerade dabei ist, über die Anfangsjahre seiner Schäferjahre zu berichten, damals im Jahr 1995, als er die ersten 140 Schafe von seinem Vater übernommen hatte, stoppt er schlagartig. "Moment mal", sagt er mit leiser Stimme, "da hinten hat sich ein Schaf verirrt". Gut 400 Meter abseits der Herde auf einem Feldweg steht eines seiner Tiere. "Das Mutterschaf ruft nach seinem Lamm, es wird den Weg von alleine wieder zu den anderen Tieren finden - da muss ich nichts machen." Entwarnung.
Das war vor drei Jahren anders. Damals grasten seine Schafe auf einer Wiese in der Nähe von Landscheid, als plötzlich der Hund eines Spaziergängers in die Herde stürmte. Die Tiere wurden aufgescheucht, waren nicht mehr zu beruhigen. Ein Teil rannte in Richtung Autobahnauffahrt zur A 60. "Passanten konnten gerade noch verhindern, dass die Tiere auf die Autobahn gelangen konnten", erinnert sich Dietz.
Ein Autofahrer kann dennoch nicht mehr bremsen und donnert mit seinem Wagen frontal in die Herde: Zwölf Tiere verenden. "Das war das Schlimmste, was mir als Schäfer jemals passiert ist, ich kann das nicht vergessen", sagt Dietz.
Sein Beruf, so erzählt er, sei wie ein Virus. Der Job macht Dietz nicht reich. Viel zum Leben braucht er ohnehin nicht. Seine Haupteinnahmequelle ist der Verkauf von Lammfleisch. Ein Schlachter aus dem Kölner Raum holt die Tiere persönlich bei ihm ab. "Mir ist es wichtig, dass die Tiere keine weiten Wege zurücklegen müssen, darauf achte ich."
Seine zweite Einnahmequelle sind EU-Fördergelder. "Ohne die", so sagt es der Schäfer, "könnte ich meinen Beruf nicht ausüben".
Für die Landschaftspflege, die er mit seinen Tieren zwischen Mai und Juli in Naturschutzgebieten betreibt, erhält er zudem Geld vom Land Rheinland-Pfalz. "Mit dem Verkauf der Wolle mache ich keinen Gewinn. Das reicht gerade, um die Unkosten des Schärens zu decken."
Knapp 2000 Schäfer gibt es derzeit noch in Deutschland, erzählt Dietz. Er kennt die Zahlen, denn er ist Mitglied im Bundesverband der Berufsschäfer. Vor acht Jahren waren es noch 3500. Im Landkreis Bernkastel-Wittlich und im Eifelkreis Bitburg-Prüm sind es laut Dietz zusammen noch ungefähr zehn. "Es werden immer weniger", weiß der 49-Jährige. "Ich senke den Altersdurchschnitt deutlich." Dietz selbst ist eigentlich gelernter Maurer. Bis 2003 hat er in diesem Beruf gearbeitet. Dann ist er umgestiegen, einfach mal was anderes machen: "Das war mein Kindheitstraum. In meiner Familie gibt es bereits seit 200 Jahren Schäfer - ich habe bisher nicht eine Minute bereut, dass ich den alten Job hinter mir gelassen habe."
Die Schafe, so sagt er, geben ihm so viel. Das hat er vor zwei Jahren ganz besonders gespürt. Damals erlitt er einen Schlaganfall. Doch schon nach einer Woche kam er wieder aus dem Krankenhaus, stand bei seinen Schafen auf der Wiese. "Geholfen hat man mir im Krankenhaus, gesund geworden bin ich bei meinen Schafen." Nach diesen Erlebnissen kann ihn so schnell nichts mehr umhauen. Dietz hat keine Angst mehr vor irgendwas. Da ist nur eine Sache, die ihm ein "mulmiges Gefühl" bereitet: Die Rückkehr des Wolfs. "Das macht mir große Sorgen. Ich bin davon überzeugt, dass der erste Wolf noch in diesem Jahr in Rheinland-Pfalz auftauchen wird."Wölfe? Nein danke!

 Stets ein aufmerksamer Blick: Schäfer Markus Dietz und seine Hunde Ben (links) und Paula auf der Wiese bei Landscheid.
Stets ein aufmerksamer Blick: Schäfer Markus Dietz und seine Hunde Ben (links) und Paula auf der Wiese bei Landscheid. Foto: klaus kimmling (e_bit )
 Heinrich hat Bock auf Hecken: Er ist in der Herde für Sträucher zuständig.
Heinrich hat Bock auf Hecken: Er ist in der Herde für Sträucher zuständig. Foto: klaus kimmling (e_bit )
 Hier gibt es nichts zu sehen, gehen Sie bitte weiter: Von wegen, die Schafe von Markus Dietz sind sehr neugierig.
Hier gibt es nichts zu sehen, gehen Sie bitte weiter: Von wegen, die Schafe von Markus Dietz sind sehr neugierig. Foto: klaus kimmling (e_bit )


Geht es nach Dietz, dann hat das Raubtier in Deutschland nichts mehr zu suchen. "Der Wolf gibt sich nicht mit einem Schaf zufrieden: Wenn er im Blutrausch ist, dann reißt er auch mal zehn oder mehr - das ist eine Bestie." Er habe wenig Verständnis für die Menschen, die eine Rückkehr des Tieres befürworten. "Ich bin gespannt, ob sie immer noch für eine Rückkehr sind, wenn der Wolf dann deren Katzen und Hunde angreift."
Dietz kann sich bei diesem Thema in Rage reden. Er überlegt jetzt, sich einen speziellen Elektrozaun zuzulegen, der Wölfe abhalten soll. "Das könnte helfen", sagt er. Ja, und zur Not hat er ja auch noch Heinrich, den riesigen Ziegenbock.
Während seine Schaf-Kollegen für das Mähen des Grases zuständig sind, übernimmt Heinrich das Stutzen der Hecken. Und wer weiß: Vielleicht würde er mit seinen stattlichen Hörnern ja auch den ein oder anderen Wolf davonjagen können.