Hick-Hack um Weinrecht-Novelle in Deutschland

Kostenpflichtiger Inhalt: Wein : Was soll auf der Flasche stehen? Diskussion um Reform des Weinrechts (mit Info-Poster zum Download)

Noch ist nichts in trockenen Tüchern – aber die unterschiedlichen Pläne für eine Angleichung der gesetzlichen Grundlagen in Deutschland an das EU-Recht sorgen für turbulente Diskussionen. Der TV hat beim Ministerium für Landwirtschaft in Berlin nachgefragt.

„Das kann man doch keinem Kunden erklären. Da muss ich doch in der Weinprobe den Beamer auspacken!“ machte sich ein Winzer vor wenigen Tagen auf den Mosel Weinbautagen in Wittlich Luft.

Es geht in der Debatte, die derzeit bundesweit geführt wird,  um das deutsche Weinrecht. Es stammt  in seinen Ursprüngen aus dem Jahr 1971, wurde mehrmals geändert  und soll dem EU-Weinrecht angepasst werden soll. Unterschiedliche Gruppierungen von den Einzelwinzern bis zu den großen Kellereien, haben unterschiedliche  Erwartungen an eine Novelle dieser für alle verbindlichen Gesetzesgrundlage für den Weinanbau in Deutschland.

So sieht ein typisches Weinetikett in Deutschland aus. Die violett hervorgehobenen Angaben sind rechtlich vorgeschrieben. Dazu zählen die Bezeichnung „Deutscher Qualitätswein“ oder „Qualitätswein aus Deutschland“, das bestimmte Anbaugebiet, aus dem der Wein stammt, die Qualitätsstufe (gegebenenfalls das Prädikat), der Erzeuger  beziehungsweise Abfüller, der tatsächlich vorhandene Alkoholgehalt in % Vol., das Nennvolumen (Flascheninhalt), die amtliche Prüfungsnummer, die Angabe „Enthält Sulfite“ beziehungsweise .„Enthält Schwefeldioxid“, Behandlungsmittel Kasein, Eieralbumin und lysozym. Die Weinart ist nur bei Weinen anzugeben, die weder Weißwein noch Rotwein sind. Foto: TV/Schmitz, Alexandra

Daher war die  lebhafte Diskussion in Wittlich   verständlich. Zuvor hatte Dr. Michael Koehler vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in seinem Vortrag „Vorstellung des Entwurfs zum neuen Deutschen Weinrecht“ den Stand der Dinge detailliert dargestellt. Der ist kompliziert und es ist auch nicht der erste Anlauf, das Weinrecht zu ändern. Viele Gruppierungen, von den  Verbrauchern über die Erzeuger bis zur Politik wünschen sich, dass das deutsche Weinrecht strukturell an das EU-Recht angelehnt werden sollte.

Was Sie schon heute alles auf Weinflaschen erfahren können,s zeigt unser Info-Poster, das zum kostenlosen Download bereitsteht.

Foto: Friedemann Vetter

Welche Auswirkungen hätte nun eine Novellierung des Weinrechts für die Winzer und für die Verbraucher? Der TV hat beim Landwirtschaftsministerium in Berlin nachgefragt. Sandra Berndt von der Pressestelle beantwortete die Fragen.

Welche Rahmenbedingungen regelt das Weinrecht generell, wie zum Beispiel Qualitätsanforderungen, den Herkunftnachweis oder die Ertragsmengen?

Sandra Berndt: Das Kernstück des nationalen Weinrechts ist das Weingesetz mit der Weinverordnung. Die letzte grundlegende Reform erfolgte 1994. Der Inhalt ist in mehrere Abschnitte gegliedert, die sich im Wesentlichen mit Weinanbau, zum Beispiel Pflanzgenehmigungen, Rebsortenklassifizierung), Weinbereitungsverfahren, Qualitätsprüfung von Wein, traditionellen Begriffen (wie zum Beispiel Landwein, Qualitätswein oder Spätlese), geschützten Herkunftsangaben (worunter auch Bestimmungen zu den Hektarerträgen fallen), Weinbezeichnungen, Kontrollbestimmungen sowie mit Stützungsmaßnahmen und mit der Absatzförderung befassen.

 Neben den nationalen Vorgaben spielt auch das Unionsrecht eine zentrale Rolle. Konkret ist die Verordnung (EU) Nr. 1308/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. Dezember 2013 über eine gemeinsame Marktorganisation für landwirtschaftliche Erzeugnisse zu nennen. Sie sorgt auf europäischer Ebene für einen einheitlichen Rahmen in den oben genannten Bereichen. Seit der Weinmarktreform von 2008 sind im Bereich geschützter Herkunftsangaben auch Zuständigkeiten auf die Erzeuger übergegangen. Das Unionsrecht legt es nun im Falle von geschützten Weinnamen wie zum Beispiel „Mosel“ in die Hand der Erzeuger, wie hoch der Hektarertrag sein soll, welche Rebsorten sie anpflanzen möchten oder wie das Gebiet abzugrenzen ist. Bislang ist das in Deutschland über Verordnungen geregelt.

Wer kontrolliert das?

Berndt: Die Kontrolle obliegt im Wesentlichen den Bundesländern. Die können sich zum Zweck der Kontrolle auch Beliehener bedienen. In Rheinland-Pfalz obliegt beispielsweise die Qualitätsweinprüfung der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz. Die Kammern nehmen die vorgeschriebenen Erntemeldungen entgegen und prüfen, ob die Hektarhöchsterträge eingehalten sind. Eine Kontrolle der Einhaltung der Produktspezifikation erfolgt stichprobenweise und unangekündigt und erstreckt sich auf alle Schritte der Traubenanlieferung, Weinbereitung bis hin zu Vermarktung. Seitens der EU gibt es sogenannte Audits, bei denen die Europäische Kommission die Einhaltung einzelner Vorgaben in den Mitgliedstaaten überprüft.

In der Diskussion tauchen immer wieder die Begrifffe „romanisches“ und „germanisches Weinrecht“ auf. Was sind die wesentlichen Unterschiede ?

Berndt: Es handelt sich nicht um ein romanisches und germanisches Weinrecht im engeren Sinne. Es sind vielmehr zwei Qualitätsphilosophien, hinter denen jeweils ein unterschiedlicher Ansatz steht, wie man Qualität definiert.  Das germanische System ist von dem Grundsatz der Qualität im Glase geprägt. Das heißt, dass die Qualität eines Weins systematisch geprüft wird, unabhängig vom Ursprung seiner Trauben. Sein Abschneiden bei dieser Prüfung entscheidet über seine qualitative Einstufung. Das romanische System hingegen ist von dem Gedanken des „Terroirprinzips“ geprägt, wonach die Qualität des Weines in erster Linie durch die Herkunft und damit insbesondere Faktoren wie Bodenqualität, Witterungsbedingungen und klimatische Verhältnisse in Verbindung mit den angebauten Rebsorten und auch menschlichen Einflüssen bestimmt wird. Daher gibt es im romanischen System auch klassifizierte Weinberge und Lagen, was das germanische System nicht kennt.

In welcher Art sind diese Unterschiede für den Kunden auf dem Weinetikett sichtbar?

Berndt: Für die Verbraucherinnen und Verbraucher sind die Unterschiede nicht unmittelbar erkennbar. Wenn man jedoch genauer hinschaut, fällt auf, dass im Falle geschützter Herkünfte Weine im romanischen System in erster Linie unter dem Namen des geschützten Herkunftsgebietes verkauft werden wie zum Beispiel „Chianti“, „Champagne“, „Bourgogne“, „Prosecco“, „Rioja“. Somit steht die Herkunft für eine bestimmte Qualität. Demgegenüber wird bei deutschen Weinen mit geschützter Ursprungsbezeichnung vor allem die Rebsorte in den Vordergrund gestellt wie zum Beispiel „Riesling“, „Spätburgunder“, „Silvaner“. Die eigentlich geschützte Herkunftsbezeichnung wie „Mosel“ oder „Pfalz“ ist eher von nachrangiger Bedeutung. Das macht die Herkünfte leichter austauschbar, da Rebsorten nicht auf bestimmte Herkünfte begrenzt sind.

Was sind die wesentlichen Änderungen/Neuerungen, die der Entwurf von Dr. Koehler beinhaltet?

Berndt: Im Qualitätsweinsegment soll das deutsche System - in Anlehnung an das romanische Modell - stärker zu einem an der geografischen Herkunft orientierten System weiterentwickelt werden. Dabei soll jede Herkunft für ein klares Profil stehen und dem Grundsatz folgen „je kleiner die Herkunft, desto höher die Qualität“. Dies ist bislang auch in der Weinbranche Konsens und war das Ergebnis der Runden Tische bei Bundesministerin Klöckner im vergangenen Jahr. Im Rahmen der Reform geht es auch um die Frage einer Aufwertung der so genannten traditionellen Begriffe - wie „Spätlese“, „Auslese“ oder „Eiswein“.

Außerdem soll die maximal genehmigungsfähige Fläche für Neuanpflanzungen auf jährlich 0,3 Prozent der tatsächlich mit Reben bepflanzten Gesamtfläche begrenzt werden. Diese Begrenzung gilt bis 2023 und ist vor dem Hintergrund eines drohenden Überangebots von Weinerzeugnissen im Verhältnis zu den Marktaussichten notwendig. Um den Absatz stärker zu fördern und wichtige Exportmärkte zu erschließen oder auszubauen, sollen EU-Fördergelder effektiver genutzt werden. Denn: Der Weinexport hat sich in den vergangenen zehn Jahren halbiert. Deshalb braucht es eine Offensive für neue Kunden und Märkte.

Was wären die Konsequenzen dieses Entwurfs für die Winzer einerseits und für den Verbraucher andererseits. Also: welche neuen oder modifizierten Regeln müssten die Winzer dann einhalten und was hat der Verbraucher davon?

Berndt: Von dem neuen Modell sollen sowohl die Verbraucherinnen und Verbraucher als auch die Erzeugerinnen und Erzeuger profitieren. Für die Erzeuger bedeutet es, sich auf Qualitätsparameter festzulegen, die für Weine kleinerer Herkünfte gelten sollen. Das eröffnet neue Vermarktungsperspektiven für die Winzerinnen und Winzer in Deutschland. So kann mehr Wertschöpfung und der Ausbau der Marktanteile deutscher Weine erreicht werden. Für die Verbraucher bedeutet es, dass sie bei Weinen mit kleineren Herkünften - also zum Beispiel mit einer Lagenangabe – höhere Qualitäten erwarten dürfen.

Hier geht es zum Info-Poster, das zeigt, was Sie beim Kauf einer Flasche über Wein wissen sollten und direkt erkennen können.