Hier kommt jeder zu Wort

WITTLICH-WENGEROHR. Abseits der viel befahrenen Durchgangsstraßen lässt es sich gut wohnen in Wengerohr. Da entsteht dörfliche Atmosphäre bei Plausch und gutem Wein. International ist die heimelige Bank unter den Linden im Altdorf.

Hier haben wir oft gesessen, erzählt und viel gelacht, sagt Alois Nohn. Der 80-jährige Ur-Wengerohrer schwärmt von den Unterhaltungen, die im Laufe vieler Jahre unter der großen Linde in Alt-Wengerohr stattgefunden haben. An der Ecke Wahlholzerweg/Sandweg, etwa 150 Meter von der viel befahrenen Durchgangsstraße entfernt, steht seit gut zehn Jahren eine Sitzgruppe aus massivem Holz, eingerahmt von mehreren Laubbäumen und einem Wegekreuz aus dem Jahr 1669. Der Verkehrslärm ist hier kaum zu hören. Ein angenehmer Platz also für Feierabendgespräche. Zudem entsteht wohltuende dörfliche Atmosphäre im fast 3000 Einwohner zählenden Wengerohr. Als die Schienen der Bahnstrecke Wengerohr -Bernkastel-Kues entfernt wurden und die Schranken nicht mehr notwendig waren, haben sich die Anwohner für einen Platz zum Ausruhen und Erzählen stark gemacht. Macht uns ein schönes Eck, haben sie an die Stadt appelliert und Erfolg gehabt, zumal früher schon eine Bank hier gestanden habe. Lügenbank - das ist die liebkosende Bezeichnung in Wengerohr für die romantische Sitzgruppe unter schattigen Bäumen, keinesfalls abwertend gemeint. Im Gegenteil - die Bezeichnung macht neugierig. "Wir erzählen uns die Neuigkeiten aus dem Dorf", berichtet Mia Thul. Und tatsächlich - angenehm sind die Gespräche der Dorfbewohner, zudem international. Denn gleich nebenan wohnt eine amerikanische Familie, die sich gerne dazusetzt. So entstehen Unterhaltungen in Wengerohrer Platt, in Englisch und in Hochdeutsch, Übersetzung inklusive. Außerdem in Pfälzer Dialekt, denn Gerhard Mick aus Kaiserslautern, seit vielen Jahren Hausmeister in der Dualen Oberschule in Wengerohr, ist gekommen und erzählt aus dem Schulalltag und dem Wengerohrer Leben. Plötzlich stehen drei Flaschen Wein auf dem Tisch, der sonnenverwöhnte Abend muss genutzt werden, nachdem es zwei Wochen geregnet hat oder zu kühl war.Großes Thema ist auch die für 2010 vorgesehene Fertigstellung der Ortsumgehung Wengerohr. "Bin mal gespannt, was dann aus unserem alten Dorfkern wird. Hier sind schöne Plätze, die wegen der vielen Autos in den letzten Jahrzehnten nicht mehr gepflegt wurden", ist zu vernehmen. Warum zum jetzigen Zeitpunkt die Durchgangsstraße neu geteert wurde, das kann nicht nachvollzogen werden, wo doch in wenigen Jahren die Umgehungsstraße kommt. Dann wenden sich die Wengerohrer wieder der Gegenwart zu.

Auch der Nachwuchs sucht den Platz unter der großen Linde. Der zehnjährige Calvin Lütticken kommt mit seinem Fußball und erzählt: "Wir Kinder holen uns immer Süßigkeiten, Getränke und einen Fußball, fast jeden Tag, wenn Freunde kommen und spielen hier." Die Runde vergrößert sich, die Erzählungen sind vielfältig. Humorvolles und Ernstes kommt zum Tragen und der Spruch "Wer hier nicht zu Wort kommt, der ist selber schuld". Auch Radfahrer und Fußgänger, die zum Bahnhof wollen über den neuen Park-and-Ride-Platz, grüßen die Dorfbewohner an der - nein, nicht Lügenbank - an der heimeligen Sitzgruppe in Alt-Wengerohr unter der schattigen Linde an der ehemaligen Bahnstrecke nach Bernkastel-Kues.

Wenn auch Sie eine historische Anekdote kennen, den Namen eines Hauses oder einer Straße erklären können oder zu einem historischen Ereignis eine persönliche Geschichte zu erzählen haben, schreiben Sie unter dem Stichwort "Stadtgeschichten" mit Namen, Adresse und Telefonnummer an die E-Mail-Adresse mosel@volksfreund.de. Wichtig ist, dass Ihre Geschichte höchstens 60 Druckzeilen (à 30 Anschläge) umfasst.