Hightech-Roboter schuftet für Spitzenweine

Bernkastel-Kues · Eine Maschine im Steillagenzentrum in Bernkastel-Kues sortiert mit Hochgeschwindigkeit Weintrauben - genauer: einzelne unterschiedlich reife Beeren. Winzer nutzen die Technik, um gezielt Spitzenweine herzustellen. Bisher war das nur mit mühevoller Handarbeit möglich. Drei dieser Roboter gibt es in Deutschland.

Bernkastel-Kues. Ein Laie würde Winzer Gerd Steffen beim Blick auf dessen Trauben im Maringer Wingert bedauern. Neben goldgelben hängen auch zahlreiche braune, runzlige Beeren an den Traubenstielen. Kein Grund zur Sorge, erklärt Steffen, denn die braunen Beeren sind mitnichten verfault oder unbrauchbar. Im Gegenteil: Die dunkelbraunen edelfaulen Beeren, die aussehen wie Rosinen, sind reifer als die grünen Beeren und aus diesem Grunde besonders geeignet, um daraus edelsüße Weine herzustellen.
Das Problem: Da die Witterung des Jahres die Trauben verwöhnt hat, strotzen die Beeren nun vor Zuckergehalt. Das ist eine gute Ausgangsposition, wenn der Winzer edelsüße Weine keltern will. Trockene Weine hingegen, die länger gären und aus dem Zucker somit mehr Alkohol produzieren, würden wegen der zuckersüßen Trauben zu alkoholhaltig.
"Statt der elf Prozent hätte man dann einen trockenen Weißwein mit einem Alkoholgehalt von 13 Prozent. Das will niemand trinken", sagt Steffen. Die 2011er Trauben, die die Winzer in manchen Spitzenlagen in diesem Jahr ernten, sind also zu süß - zumindest für trockenen Wein. Einen Zuckergehalt von 90 Grad Oechsle in der Traube sind ideal für trockene Weißweine. Für Beerenauslese wären 120 nötig und für eine Trockenbeerenauslese 180.
Die Lösung: An dieser Stelle kommt eine Maschine ins Spiel, die den Winzern eine mühevolle Sortierarbeit der goldgelben und braunen Beeren per Hand erspart. Zwar hat Gerd Steffen rund 1,5 Tonnen Trauben von sechs Handpaaren am Vortag in rund sieben Stunden grob vorsortieren lassen, doch das Ergebnis stimmt ihn noch nicht zufrieden. Noch immer hängen zu viele edelfaule Beeren an der Traube. "Die von Hand abzumachen, ist kaum mehr machbar", sagt Steffen. Aus diesem Grund fährt er die Trauben nach Bernkastel-Kues ins Steillagenzentrum des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR) Mosel. Das betreibt dort zu Forschungszwecken eine vollautomatische Sortieranlage für Trauben. Nicht nur Steffen hat sich an diesem Tag dort angemeldet. Auch andere Winzerkollegen haben sich eingefunden.
Die Maschine: Vorne werden die Berge von Trauben eingefüllt und die Beeren von den Stielen mechanisch abgelöst - entrappt. Ein Förderband liefert die einzelnen Beeren mit sechs Metern Tempo pro Minute in den Schlund des Roboters. Im Inneren schießt eine Hochgeschwindigkeitskamera Bilder von den vorbeirollenden Beeren - 4000 Bilder pro Sekunde. Vier Rechner verarbeiten in Bruchteilen von Sekunden die Bilddaten und markieren die Beeren nach Farbigkeit, hell und dunkel. Nur Millisekunden später schießen 104 Luftdüsen mit zwei Bar die markierten Beeren von ihrem rollenden Bett.
Hinten fliegen die grünen Beeren in eine Wanne, die braunen edelfaulen werden von einem kleinen Förderband in eine separate Wanne gefahren. Nur vereinzelt mischen sich dunkle Früchte unter das aussortierte Meer an goldgelben Beeren. Auch wenige grüne Farbpunkte zeigen sich in der Wanne des braunen Beerenmatsches, der zuckersüß ist.
Optimal: 2,5 Tonnen pro Stunde schafft der Sortierroboter und kommt auf eine Erfolgsquote von 98 Prozent. Projektingenieur Jakob Feltes kann den Computer der Maschine sogar noch "intelligenter" machen, wenn er den Computer sensibler für das Farbenspektrum der Beeren macht. Matthias Porten, wissenschaftlicher Berater des DLR, beschäftigt sich mit der Maschine, forscht, tüftelt und verbessert sie und schwärmt davon wie von einem Musikinstrument. "So kann man den Wein komponieren, wie man ihn haben will. Damit spielt man wie auf einer Klaviatur", sagt Porten. Zur Erinnerung: Die Maschine unterscheidet nur nach Farben. Dabei ist das 180 000 teure Gerät nicht ursprünglich für das Auslesen von Trauben konzipiert. Der Roboter vom Typ Optyx Raptor stammt aus der Lebensmittelindustrie und wird bereits seit Jahren für das Aussortieren von Bohnen oder Shrimps genutzt. Auch Müll wird damit sortiert. In Deutschland gibt es lediglich drei Anlagen dieser Art. Auch Winzer aus dem Rheingau oder von der Saale nach Bernkastel-Kues kommen. Die Anlage in Bernkastel-Kues befindet sich im zweiten Jahr einer dreijährigen Testphase. In Frankreich und Italien sind derartige Gerätschaften seit längerem im Einsatz.
Das Ergebnis: Nach zwei Stunden sind 1,5 Tonnen Beeren sortiert. Steffen ist ebenso verblüfft wie zufrieden mit der Ausbeute. Sechs Hände hätten dafür zwei ganze Tage gebraucht. Jakob Feltes und Gerd Steffen messen mit einem Refraktometer den Zuckergehalt des Mostes. Grüngelbe Beeren 91 Grad Oechsle, braune edelfaule Beeren 130 Grad Oechsle. Die Winzer kostet das nichts. Die Maschine ist ein Versuchsobjekt, das vom Land gefördert wird.
Das Experiment: Ob sich das automatische Sortieren auch in der Qualität des Weines niederschlägt, muss Steffen erst einmal abwarten. Anfang des Jahres können er und seine Winzerkollegen den Jungwein unter die Lupe nehmen und ermessen, ob der Hightech-Roboter wahrhaftig eine Art Stradivari für\'s Keltern ist.