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Historiker fordert Gedenktag für ganz Europa: TV-Interview mit Wittlicher Historiker Patrick Bourassin

Historiker fordert Gedenktag für ganz Europa: TV-Interview mit Wittlicher Historiker Patrick Bourassin

Im November gedenken viele Nationen ihrer Kriegsopfer. In Deutschland ist es der sogenannte Volkstrauertag, der zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag liegen soll, in Frankreich der 11. November. Der Wittlicher Historiker Patrick Bourassin erklärt die Bedeutung dieser Termine und fordert einen gemeinsamen, europaweiten Gedenktag. In Wittlich wird der Volkstrauertag am Sonntag, 16. November, mit einer der größten Veranstaltungen in der Region begangen.

Wittlich. Es war der 11. November 1918 um 11 Uhr, als der Waffenstillstand von Compiègne das Ende des Ersten Weltkriegs markierte. In Deutschland markiert dieser Tag den Beginn der fünften Jahreszeit, des Karnevals. Dafür gibt es am 16. November den Volkstrauertag, um der Toten der Weltkriege zu gedenken.
Patrick Bourassin stammt aus Tours in Frankreich. Er lebt seit 1968 in Wittlich und erläutert im Gespräch mit TV-Redakteur Hans-Peter Linz die historischen Hintergründe der Gedenktage. Bourassin wurde nach seinem Militärdienst bei der französischen Armee Lehrer am Wittlicher Peter-Wust-Gymnasium und hat sich auf Geschichte spezialisiert. Zudem hatte er mehrere Lehraufträge an der historischen Fakultät der Universität Trier.
Was bedeutet der Volkstrauertag für Sie?
Patrick Bourassin: Für mich war immer der 11. November ein Trauertag gewesen. Der Tag an dem man sich an die Verwundeten und Toten innerhalb der Familie erinnert. In Frankreich markiert der 11. November, 11 Uhr, den Tag des Ende des Ersten Weltkriegs. Jede Familie hatte Opfer, und es geht darum, diese zu beklagen. So habe ich das als Kind in Erinnerung. Und an diesem Tag ist in Frankreich auch ein Feiertag.
Und wie hat sich das in Deutschland entwickelt?
Bourassin: Als ich mit dem Militär nach Deutschland in die Trierer Gegend kam, in den 1960er Jahren, da habe ich mit Schrecken festgestellt, dass an unserem französischen Feiertag in Wittlich und in Trier auf den Marktplätzen gefeiert wird. Ein tanzendes, lachendes und trinkendes Volk habe ich da kennengelernt, denn es war Karnevalseröffnung. Der Kontrast war für mich schon extrem.
Aber in Deutschland gibt es ja dann den Volkstrauertag, der seit 1952 zwei Sonntage vor dem Adventssonntag begangen wird.
Bourassin: Ja, aber dieses Datum ist aus meiner Sicht völlig aus der Luft gegriffen. Es gibt doch gute Gründe für den 11.11.. Es war der Tag, an dem im Ersten Weltkrieg endlich Waffenstillstand war. Und es gibt viele andere Länder, in denen auch an diesem Tag Feiertag ist, so in Großbritannien, Kanada, Neuseeland Belgien und in den USA. Es gibt eben Gründe für dieses Datum. Aber das ist nach 100 Jahren in Vergessenheit geraten.
Galt der 11. November, der Waffenstillstand von Compiègne nicht als Tag, an dem auch der Sieg über das Deutsche Kaiserreich gefeiert wurde?
Bourassin: Das ist wirklich schon lange in Frankreich kein Jubeltag mehr. Keiner spricht mehr von einem Sieg, es geht vielmehr um die Zerstörung und den Unsinn des Krieges. Deshalb finde ich, dass es europaweit einen Gedenktag geben muss, an dem an die Schrecken und den Unsinn des Krieges erinnert werden muss. Dazu drängt sich der 11. November geradezu auf, denn er hat eine historische Bedeutung. Und da ist der Kontrast zu groß zum Karneval. Natürlich respektiere ich den Karneval, den gibt es in christlichen Ländern schon seit dem Mittelalter. Aber warum muss diese Zeit genau am 11. November beginnen?
Warum wird am Volkstrauertag eigentlich nur der Soldaten gedacht?
Bourassin: Nun, der größere Teil der Opfer im Ersten Weltkrieg waren nun einmal Soldaten. Zehn Millionen sind damals gestorben. Der Anteil der Zivilbevölkerung lag in Frankreich bei etwa drei Prozent. Aber deshalb gedenken wir in Frankreich auch immer aller Opfer unserer Familien.Extra

Am Sonntag, 16. November 2014, findet um 12 Uhr auf dem Friedhof Burgstraße die Gedenkfeier der Stadt Wittlich zum Volkstrauertag statt. Am Ehrenmal wird der Toten von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht. In diesem Jahr jährte sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Während diesem Krieg starben mehr als 17 Millionen Menschen. Die Gedenkansprache hält Bürgermeister Joachim Rodenkirch. Umrahmt wird die Veranstaltung mit Beiträgen des Blasorchesters Wittlich und des Männerchores Wittlich Quartett 06/Männergesangverein 1852. Dabei sind auch Schüler der Clara-Viebig-Realschule plus, in diesem Jahr mit einer Lesung zum Thema "Erinnerungsjahr 1914". Die Freiwillige Feuerwehr Wittlich stellt die Ehrenwache. Im Anschluss an den letzten Gesangsvortrag werden die Kränze vor der Gedenkstätte niedergelegt. An der städtischen Feier nehmen neben einem Vertreter des Landkreises auch Mitglieder des Stadtrates sowie Vertreter verschiedener Organisationen teil. red