Hoch auf dem gelben Wagen

MORBACH. Die Gemeinde Morbach begegnet dem Rückzug der Post auf dem flachen Land mit eigenen Methoden. Zum Ölmühlenfest schickt sie erstmals die Postkutsche des Deutschen Telefon-Museums ins Rennen.

Siegfried Warth ist immer für eine Überraschung gut. Aktuell verblüfft der Leiter des Deutschen Telefon-Museums Morbach mit einer knallgelben Attraktion. Das Museum beherbergt seit einigen Monaten ein echtes Schmuckstück, das beim Ölmühlenfest am 8. Mai erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Die Rede ist von einer Original-Postkutsche, Baujahr etwa kurz nach 1900, wie Warth schätzt. Konkrete Angaben über das genaue Jahr liegen ihm leider ebenso wenig vor wie etwaige Hinweise auf frühere, möglicherweise illustre, Reisende. Doch dafür wird das sechssitzige Gefährt, das sich mit Hilfe von zwei Pferdestärken fort bewegt, der Einheitsgemeinde dauerhaft erhalten bleiben. Museums-Chef erhält Kutsche als Gegenleistung

Dabei musste Morbach nicht etwa ein Vermögen zahlen für die Kutsche, deren Preis nach Warths Einschätzung "im fünfstelligen Bereich" liegen dürfte. Das historische Stück reiht sich vielmehr unentgeltlich in den Fuhrpark der Gemeinde ein. "Ich habe die Kutsche als Gegenleistung erhalten", erklärt der Museumsleiter den ungewöhnlichen Fahrzeug-Neuzugang. Im Winter 2003/2004 hatte er in ungezählten Stunden aus Komponenten des Museums für Kommunikation und Technik, vormals Postmuseum, zwei Wählanlagen zusammen gebaut. Diese baute er dann im Mai 2004 funktionsfähig im Frankfurter Museum auf. Den Transport seines "Lohnes" übernahm ein Morbacher Unternehmen. Seit einigen Wochen wird das wertvolle Stück mit Hilfe von Bauhofmitarbeiter Jürgen Thömmes auf Vordermann gebracht. Da die Kutsche in den 70er Jahren umfassend restauriert wurde, geht es dabei laut Warth vorwiegend um den üblichen Verschleiß. Dennoch steht zusätzlich Heinz "Cöles" Wilbert mit Rat und Tat zur Seite. Dem Morbacher Urgestein kam auch die Aufgabe zu, einen geeigneten Kutscher für die Jungfernfahrt anlässlich des Ölmühlenfests zu organisieren. Für Ortsbürgermeister Hans Jung ist der Museums-Neuzugang eine echte Attraktion: "Das ist ja ein zusätzlicher Punkt, der die Leute anzieht", freut er sich für das Museum. Nach dem Fest soll die Postkutsche auf dem Gelände des Deutschen Telefon-Museums ein Dach über dem Kopf bekommen. Aber eines, das den Besuchern die Besichtigung des historischen Gefährts erlaubt. Abgesehen von dem gelben "Bonbon" konnte sich Warth zudem weitere Exponate für sein Museum sichern. So zum Beispiel ein von ihm inzwischen selbst restauriertes Ölgemälde mit dem Bildnis von Philipp Reis, dem deutschen Vater des Telefons. Ebenso sind ins Museum Gedenktafeln von Reis sowie eine Büste von Generalpostmeister Heinrich von Stephan, dem Organisator des deutschen Postwesens, Namensgeber des "Fernsprechers" und Gründer des Weltpostvereins, eingezogen.

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