1. Region
  2. Mosel, Wittlich & Hunsrück

Hochwasser im Kreis Bernkastel-Wittlich: Eifel und Mosel überflutet

Hochwasser : „So schlimm war es noch nie“

Wer an diesem Donnerstag im Kreis Bernkastel-Wittlich unterwegs ist, hört diesen Satz immer wieder. Impressionen vom Hochwasser.

Die Lage in Wittlich  „So etwas habe ich noch nicht gesehen. Ich lebe seit 43 Jahren hier, aber so schlimm war es noch nie“, sagt eine Wittlicherin am Donnerstagmorgen beim Gang durch die Stadt. Am Pariser Platz steht am Morgen noch der Schlamm zentimeterhoch, in den Häusern kehren die Anlieger und Mitarbeiter der Läden das Wasser aus den Gebäuden. Kurz nach Mitternacht war die Lieser über die Ufer getreten und hat die Innenstadt geflutet, erst gegen 4 Uhr ging die braune Flut zurück. Die Schäden, die dadurch entstanden sind, seien erheblich, wie Kreisfeuerwehrinspekteur Jörg Teusch am Donnerstagmorgen sagt. Das Wasser habe etwa einen Meter hoch in der Stadt gestanden.

Die Lage in der VG Wittlich-Land: Was die Mosel an diesem Donnerstag noch vor sich hat, hat die Eifel schon hinter sich. Den Ort Bruch hat es besonders schwer getroffen. Die Salm trat hier über die Ufer, schwemmte über die Straße, in die Häuser und lief sogar über eine Brücke. Schwere Baumstämme und allerhand Zeug liegt noch am Mittag auf dem Bauwerk herum. „Die ist auch ein Stück weggerutscht, wir mussten die Geländer abmontieren“, sagt ein Feuerwehrmann, der Donnerstag bei den Aufräumarbeiten hilft. Möglicherweise sei die Brücke sogar so stark beschädigt worden, dass sie abgerissen werden muss. Aber das müsse sich erst noch herausstellen.

Ein paar Meter weiter schippen Anwohner den Schlamm von der Straße, Wehrleute pumpen Wasser ab, das immer noch über den Asphalt läuft. „Alarmiert wurden wir um halb fünf am Mittwoch“, sagt ein Feuerwehrmann aus dem Nachbarort Niersbach: „Und dann ging der Einsatz erstmal bis halb vier.“ Kurz schlafen und wieder zurück nach Bruch, wo die Aufräumarbeiten sicher noch eine Weile dauern werden.

Besser sieht es am Mittag in Binsfeld aus, aber auch in Dreis und Salmtal. Auch hier hat die Salm und auch der kleinere Bendersbach zwar einige Verwüstung angerichtet, ganze Straßenzüge, Häuser und sogar die Feuerwehr und die Kita in Salmrohr versenkt. Am Donnerstag aber scheinen die Orte aus dem Gröbsten raus zu sein – erstmal, wenn es nicht mehr weiter regnet.

Beruhigt hat sich offenbar auch die Lage in Hetzerath. Auf den Straßen steht kein Wasser mehr, der Parkplatz des Norma, der komplett überflutet war, ist wieder befahrbar. Eine Anwohnerin sagt: „Mir haben die Knie gezittert, als ich das ganze Wasser gesehen habe. Das kam ja nicht nur einmal, das ist sogar zweimal übergegangen.“ Einen zwei Meter langen Baumstamm hat die Feuerwehr aus dem Wasser gezogen und ein großes Fass, von dem keiner weiß, wo es herkam. Einen ersten Überblick über die Schäden haben die Frau und ihr Sohn sich gemacht. Am stärksten ist wohl die Heizung betroffen, sie stand 70 Zentimeter unter Wasser. „Ich wohne jetzt seit 1978 hier, und das ist das höchste und schlimmste Hochwasser, das ich je gesehen habe“, sagt Sohn Frank Müther. Im Haus unterhalb war das Wasser ebenfalls.

Sehr viel abbekommen hat auch ein Gebäude in der zweiten Reihe zwischen der Eisdiele und dem Kaminbauunternehmen. Dort stand die Brühe im Inneren bis unter die Fensterbänke im Erdgeschoss. Damit das Wasser sich den Weg nach draußen bahnen konnte, musste der Hausbesitzer die Glasscheibe seiner eigenen Haustür von innen einschlagen. Der Kühlschrank schwamm in der Küche. Helfer waren allerdings sofort zur Stelle, um Möbel und Wertgegenstände zu sichern. Vieles ist dennoch dem Wasser zum Opfer gefallen. Eine weitere Wohnung ist nicht mehr bewohnbar.

 Bei Marianne Palzer vom Gasthaus Palzer konnte durch die Sandsäcke vor der Tür hingegen Schlimmeres verhindert werden. Wasser hat sich nur in die Küche reingedrückt, wo jetzt Geräte alles trocken blasen sollen. Bei Norbert Schwaben, der in der Nähe des Kreisels  an einem der tiefsten Punkte des Ortes  wohnt, ist die Wohnetage betroffen. „Das ist nach Februar 2020 das zweite Mal hintereinander, das ich hier so viel Wasser bekomme. Ich frag mich, wo das alles herkommt.“

Im Nachbarort Esch hielten sich die Schäden vergleichsweise in Grenzen. Einige Keller sind vollgelaufen. Der Biergarten stand ebenfalls unter Wasser, wurde aber kaum in Mitleidenschaft gezogen. Dennoch: „Die Straße war zwar schon ein paar mal überschwemmt, aber so schlimm war es noch nie“, sagt Christoph Gabler.

Die Lage an der Mosel Am Donnerstagmittag macht es den Eindruck, als seien die Dörfer an der Mosel glimpflicher davongekommen als viele Ortschaften in der Eifel. Die starken Regenfälle bleiben aber auch hier nicht folgenlos: Überall tritt die Mosel mehrere Meter über die Ufer und überschwemmt Straßen, Parkplätze, Bootsanleger und Vorgärten mit hellbraunem Flusswasser. In der vorangegangenen Nacht weitestgehend verschont geblieben, sind dann gegen 11 Uhr am Donnerstag Wassermassen in die meisten Keller der am Ufer gelegenen Häuser eingedrungen. An vielen Gebäuden steht das Wasser bis wenige Zentimeter unter der Türschwelle.

In Kinheim, Kröv und Reil bemühen sich Nachbarn gemeinsam, den Besitz aus den ersten Etagen ihrer Wohnungen zu retten. Da der Pegel Stunde für Stunde weiter steigt – ein Wettlauf gegen die Zeit und doch ein schönes Zeichen des Zusammenhalts in all dem Hochwasser-Chaos.

Beim Weingut Schneider Faber in Kinheim packen mindestens 16 Hände der ganzen Familie mit an, um Weinfässer und empfindliche Maschinen zu einer höher gelegenen Garage zu schleppen. „Alles, was schwimmen kann, muss raus“, lautet die Devise von Leiter Christoph Schneider. Eine Meinung von Schneider, die die meisten Moselaner teilen: „Gottseidank ist in der Nacht noch nicht alles vollgelaufen. Die Vorlaufzeit heute, bis die Mosel über zehn Meter steigt, ist Gold wert.“

Auch die Ortsdurchfahrt B 53 in Kröv ist nur noch mit Booten zu befahren. Wo sonst Autos rollen, gleiten gegen 11.30 Uhr nur noch Schwäne dahin. Schaulustige aus dem Dorf versammeln sich in den Vorgärten der anliegenden Häuser und machen Fotos vom Spektakel.

Am Ortsausgang Richtung Traben-Trarbach blockiert dann nicht nur eine etwa 30 Zentimeter tiefe Wasserlache den Weg. Ein Auto von zwei Urlaubern ist kurz zuvor darin untergegangen. „Es gab hier keine Schilder für eine Straßensperrung. Ich habe also versucht, durch das Wasser zu fahren. Jetzt ist die Automatik blockiert, und der Wagen lässt sich weder schieben noch starten“, erklärt der Autobesitzer sein Dilemma. In Reil macht die Moselstraße ihrem Namen alle Ehre. Entlang der Ortsdurchfahrt steht das Wasser höher als die meisten Kellerfenster der ufernahen Gebäude. Straßenschilder ragen vielleicht noch einen Zentimeter aus der immer stärker werdenden Strömung. „Ein unfassbarer Anblick“, sagt Stefan Marthies, Inhaber des Restaurants Saloon, dessen Terrasse noch einen knappen halben Meter davon entfernt ist, im Wasser zu verschwinden.

 In Kinheim hat die Mosel am Donnerstag für große Überschwemmungen gesorgt.
In Kinheim hat die Mosel am Donnerstag für große Überschwemmungen gesorgt. Foto: TV/Nils Strassel
 Noch 30 Zentimeter Luft: Der steigende Pegel hat vielen Moselbewohnern - wie hier in Reil - den ganzen Tag lang Sorgen bereitet.
Noch 30 Zentimeter Luft: Der steigende Pegel hat vielen Moselbewohnern - wie hier in Reil - den ganzen Tag lang Sorgen bereitet. Foto: Nils Straßel
 Die Lieser ist in Wittlich über die Ufer getreten und hat für massive Schäden in der Stadt gesorgt.
Die Lieser ist in Wittlich über die Ufer getreten und hat für massive Schäden in der Stadt gesorgt. Foto: TV/Petra Willems
 Das Geländer der Lieser-Brücke in Wittlich wurde in der Nacht vorsorglich abmontiert. Die Fluten trugen jede Menge massives Treibgut mit sich.
Das Geländer der Lieser-Brücke in Wittlich wurde in der Nacht vorsorglich abmontiert. Die Fluten trugen jede Menge massives Treibgut mit sich. Foto: TV/Petra Willems
 TV-Leser Michael Rauen hat am 15. Juli am frühen Morgen diese Aufnahmen vom Hochwasser in Wittlich gemacht
TV-Leser Michael Rauen hat am 15. Juli am frühen Morgen diese Aufnahmen vom Hochwasser in Wittlich gemacht Foto: TV/Michael Rauen
 Auch in der Römerstraße hat das Unwetter viele Schäden angerichtet. Am Donnerstagmorgen ist die Lieser hier noch weit über die Ufer getreten. Fotos: Petra Willems
Auch in der Römerstraße hat das Unwetter viele Schäden angerichtet. Am Donnerstagmorgen ist die Lieser hier noch weit über die Ufer getreten. Fotos: Petra Willems Foto: TV/Petra Willems
 Die Lieser ist in Wittlich über die Ufer getreten und hat für massive Schäden, wie hier am Pariser Platz, gesorgt. 
Die Lieser ist in Wittlich über die Ufer getreten und hat für massive Schäden, wie hier am Pariser Platz, gesorgt.  Foto: TV/Petra Willems

„Über Nacht ist das Wasser bestimmt fünf Meter gestiegen. Heute morgen um 6 Uhr war die Straße noch komplett frei. Jetzt ist nichts mehr davon zu sehen“, erzählt Marthies gegen 12 Uhr mittags. Kühlgeräte, Kassen und Lebensmittel, die er bis dahin schon in Sicherheit gebracht hat wieder aufzubauen würde „eine Ewigkeit dauern“. Die verlorene Öffnungszeit sei also der größte Schaden, den das Hochwasser für ihn verursacht.