Hochwassermarken mit den Händen erfühlt

Hochwassermarken mit den Händen erfühlt

TRABEN-TRARBACH. Eine Woche lang erfuhren und erlebten 22 Mitglieder des Tandem-Clubs Franken aus Nürnberg das Moseltal, den Hunsrück und die Eifel. Die Hälfte der munteren Gruppe ist blind, doch das tat ihrer erlebnisreichen Reise keinen Abbruch. Besonders interessiert verfolgten die Franken eine Stadtführung durch Trarbach.

Helmut Pönnighaus, Vorsitzender des Bürgervereins Traben-Trarbach aktiv (TTA) lässt es sich an diesem regnerischen Nachmittag nicht nehmen, die Tandem-Gruppe höchstpersönlich durch die Trarbacher Altstadt zu führen. Seiner Initiative ist es schließlich zu verdanken, dass die vergnügten Radfahrer eine angeregte Woche an der Mosel erleben können. "Vor zwei Jahren lernten meine Frau und ich beim Feuerwehrfest einige Mitglieder des Tandem-Clubs kennen", erzählt Pönnighaus, "und der Funke sprang gleich über". Heide und Helmut Pönnighaus, selbst begeisterte Tandem-Fahrer, machten den Franken das schöne Städtchen Traben-Trarbach schmackhaft. Einmal im Jahr macht der Club eine einwöchige Fahrt in eine deutsche Region, und so reiste die Gruppe nun an die Mosel. Inge Hübel war 2004 schon dabei und freut sich, nun wieder in Traben-Trarbach zu sein. "Als Kind konnte ich gut sehen, mit 15 hatte ich nur noch fünf Prozent Sehkraft, und seit zehn Jahren bin ich völlig blind", erzählt die junge Frau, die ihr Schicksal mit einer bewundernswerten Gelassenheit trägt. Die Nürnbergerin empfindet ihre Situation nicht als bedrohlich. "Ich sehe viele Bilder, mir geht's gut", erzählt sie. Aber das sei von Mensch zu Mensch verschieden. Dem Tandem-Club Franken gehören 105 Mitglieder an. "Die Hälfte ist blind oder sehbehindert", weiß Inge Hübel, die inzwischen mit ihrem Beifahrer vom Tandem gestiegen ist und aus dem Rucksack den aufklappbaren Blindenstock herausgeholt hat. Das Alter der Gruppe, der vier erblindete Frauen angehören, liegt zwischen 31 und 62 Jahren, und ihre Kilometer-Leistung auf dem Tandem ist beachtlich. "Wir machen Kurztouren bis 50 Kilometer und ansonsten radeln wir 80 bis 130 Kilometer", erzählt Inge Hübel, die mit ihren Schicksalsgenossen dem Mann am Lenker im wahrsten Sinne des Wortes blind vertraut. Vor der Stadtführung hat sich die Gruppe 90 Kilometer durch die Eifel gearbeitet. "Die Berge und der Gegenwind waren anstrengend", erzählen die Radler, aber erschöpft wirken sie keineswegs. Interessiert verfolgen sie die Ausführungen von Helmut Pönnighaus, der sie zunächst die Höhen der Hochwassermarken ertasten lässt. Im Mittelmosel-Museum steigen sie die Treppe hinauf und glauben kaum, dass ihnen beim Jahrhunderthochwasser 1993 in der ersten Etage die Mosel bis an die Hüften gestanden hätte. Das dort ausgestellte Hochrad dürfen sie erfühlen, aber fahren möchte damit wohl keiner. Mit ihren erfahrenen Lenkern werden sie auf den Tandems sicher durch das Moseltal und die umliegenden Landschaften geleitet. Besondere Freude im Weinkeller

Helmut Pönnighaus erzählt von den Stadtbränden und führt die Gruppe auf den Brandweg, der einst als Fluchtweg bei Feuersbrünsten diente und heute unentbehrlich beim Hochwasser ist. Der Alte Stadtturm wird erklommen, der Entenbrunnen bestaunt, Kunst zum Anfassen gibt es in der Werkstatt von Bildhauer Jürgen Waxweiler, und im Bibelgarten unterhalb der evangelischen Kirche ist der Geruchssinn beim Erschnuppern der Kräuter gefragt. Zum guten Schluss führt der Weg hinab in einen Trarbacher Weinkeller, worüber sich die Gruppe besonders freut, "denn so was gibt es nicht in Nürnberg". Die Franken klopfen auf die Fässer und nehmen den Geruch von Holz, Keller und Riesling intensiv in sich auf und sie erfahren, dass auch Sehende an Blindverkostungen von Wein teilnehmen.

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