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Hochwasserprognosen mit Unbekannten - 3 Fragen an Joachim Gerke, Abteilungsleiter der SGD Nord

Hochwasserprognosen mit Unbekannten - 3 Fragen an Joachim Gerke, Abteilungsleiter der SGD Nord

Wie kommen Hochwasserprognosen zustande, was bedeutet das Hochwasser für die Lieser? Drei Fragen an Joachim Gerke, Abteilungsleiter Wasserwirtschaft, Abfallwirtschaft und Bodenschutz der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord in Koblenz.

Wie kommt eine Prognose wie aktuell zu einem möglichen Lieser-Pegel von 3,50 zustande und was sind dabei die Unbekannten, die nun dazu geführt haben, dass alles doch weitaus entspannter ausgegangen ist?

Joachim Gerke: Die Entwicklung der Wasserstände an den mittleren Gewässern wie der Lieser wird 6 mal am Tag automatisch durchgeführt. Dabei geht es primär darum, die Menschen, die an diesen Gewässern wohnen, rechtzeitig vor Hochwassergefahren zu warnen.


Unser HW-Vorhersagemodell berechnet ständig aus den gefallenen Niederschlägen, den Prognosen der Wetterdienste und den aktuellen Abflüssen die Entwicklung der Wasserstände im Voraus. Wenn, wie im Fall der vergangenen Nacht am Pegel Plein, ein starkes Regenereignis unmittelbar der Berechnung vorausgeht, kann dies in der Vorhersageberechnung zu einem zu starken Anstieg an dem betreffenden Pegel führen. In der Umgebung von Daun waren kurz vor Mitternacht 20 bis 30 l/m² Regen in einer Stunde gefallen. Das ist etwa ein Drittel des üblichen Monatsniederschlages.

Begünstigt wird eine solche "Übertreibung" im Modell durch eine ungleichmäßige Niederschlagsverteilung im Einzugsgebiet. Bei einem vergleichsweise kleinen Einzugsgebiet wie dem der Lieser wirkt sich ein solcher Effekte zudem stärker aus, als z.B. am Pegel Trier, bei welchem viele weitere Pegel oberhalb mit in die Berechnung eingehen. Grundsätzlich kann deshalb ausgesagt werden, je kleiner das Einzugsgebiet je größer die Unsicherheit der Vorhersage.

Welche Auswirkungen hat eigentlich so ein Hochwasser konkret auf einen Fluss wie die Lieser? Sind jetzt alle Fische ab in die Mosel z.B.?

Joachim Gerke: Hochwasser gehört zum Abflussgeschehen eines Gewässers genauso wie Niedrigwasser. Naturnahe Gewässer bilden ihre Strukturen nach der Bandbreite der unterschiedlichen Abflüsse aus. Dazu gehören Uferabbrüche, Kiesbänke und Verlandungen. Da braucht der Mensch gar nicht eingreifen. Zur Strukturvielfalt eines naturnahen Gewässers gehören auch Stillbereiche. Hier finden Fische auch bei Hochwasser einen Rückzugsraum.

Probleme gibt es immer dann, wenn die Flächen bis an die Gewässer genutzt werden. So entstehen Schäden. Die beste Vorsorge gegen schädliche Auswirkungen ist also den Gewässern Raum zu geben, wo immer es möglich ist.

Was passiert eigentlich mit dem Grundwasserspiegel während/nach einem Hochwasser, wieso scheint sich das Wasser hoch zu drücken, oder hat das gar nichts mit dem Grundwasser zu tun, man denkt ja als Laie: Da unten ist doch jede Menge Platz nach oben…bis zur Oberfläche.

Joachim Gerke: Der Grundwasserstand in den Bach- und Flusstälern wird natürlich vom Wasserstand im Gewässer beeinflusst. Die Schwankungen sind üblicherweise viel langsamer und geringer als im Gewässer. In der Lieser steigt und fällt das Wasser sehr schnell. Dass hier Grundwasser bis an die Oberfläche drückt kann eigentlich nur bei sehr durchlässigen Böden passieren. Wenn wir nasse Bereiche in den Bachauen sehen wird das in erster Linie durch Oberflächenwasser erfolgen, dass in den Geländetiefpunkten zusammenläuft.

Das Gespräch führte Sonja Sünnen.

Extra

HOCHWASSERINFORMATION
für Mosel, Saar und Sauer von Donnerstag, 02.06.2016, 13 Uhr
ausgegeben vom Hochwassermeldezentrum MOSEL in Trier
Wetter:(Quelle: DWD)
Wetterlage:
Ab Donnerstagmittag lebt die Schauer- und Gewitteraktivität von
Osten her wieder auf. Die GEWITTER können dabei mit STARKREGENmengen
um 20 l/qm und HAGEL einhergehen. Lokal sind dabei UNWETTERartige
Entwicklungen besonders in der Eifel nicht ausgeschlossen.

In der Nacht zum Freitag fallen die Schauer- und Gewitter nach und
nach zusammen.

Am Freitag bilden sich am Vormittag neue Schauer und GEWITTER. Dabei
muss erneut vor allem mit STARKREGEN, stellenweise auch mit HAGEL,
gerechnet werden. Örtlich sind wieder UNWETTERartige Entwicklungen
möglich.

Abflusslage:
Die intensiven Regenfälle in der Nacht zu Donnerstag haben teilweise zu starken Anstiegen an einzelnen Pegeln in der Eifel geführt. Gleichzeitig haben sich die Böden weitestgehend aufgesättigt.

Mit den ab Donnerstagmittag und an den Folgetagen vorhergesagten regionalen Starkregen muss erneut mit schnellen und starken Anstiegen an kleinen Gewässern, insbesondere in der Eifel, gerechnet werden.

Am Pegel Trier wird sich der Wasserstand am Donnerstag und in der Nacht zu Freitag im Bereich um 600 cm bewegen. Die weitere Entwicklung am Wochenende ist noch unsicher.

Das Hochwassermeldezentrum Mosel ist in Bereitschaft und beobachtet die Entwicklung.

Allgemeine Hinweise:
Die Meldestellen der Kreise und kreisfreien Städte werden gebeten, diesen Lagebericht im Rahmen ihrer Zuständigkeit unverzüglich an die Gemeindestellen bzw. die örtlichen Feuerwehrlagezentren weiterzuleiten.

Angaben ohne Gewähr