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Hohe Haftstrafe nach Todessturz in Wittlich

Justiz : Hohe Haftstrafe nach Todessturz im Streit

Die Freundin des 26-jährigen Verurteilten starb im August 2019 nach einem Sturz von der hohen Dachterrasse – für ihn selbst endete das Drama mit acht Jahren Freiheitsstrafe.

„Ein Tötungsvorsatz kann hier nicht angenommen werden“, sagt die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz von der Schwurgerichtskammer nach der Urteilsverkündung. Also kein Tötungsdelikt. Stattdessen ist der 26-Jährige soeben zu acht Jahren  Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt worden. Er sitzt bleich neben seiner Verteidigerin Martha Schwiering. Weitere Jahre hinter Gittern – der Angeklagte kennt sich aus in den Vollzugsanstalten. Sieben schwere Gewaltdelikte stehen schon auf seinem Konto. Und immer waren dabei Mengen an Alkohol im Spiel. So auch am Abend des 16. August 2019, als es in der Wohnung der Freundin am Pleiner Weg in Wittlich zum heftigen Streit kam, in dessen Verlauf sie schließlich über die Brüstung der Dachterrasse geriet und über neun Meter weit in die Tiefe stürzte. Einige Stunden später trat der Hirntot ein. Damals war der Angeklagte gerade erst einige Wochen aus seiner letzten Haft entlassen worden – vorzeitig auf Bewährung. Er trauert sichtlich um seine tote Freundin, das glauben ihm auch die Kammer und Staatsanwalt Arnold Schomer. Er fragt aber auch: „Wieso hat man ihn auf Bewährung entlassen?

Der Hirntod sei die Folge des Zusammenwirkens verschiedener  schwerer Verletzungen, eines sogenannten Polytraumas, gewesen, hat die Gerichtsmedizinerin Dr. Dorothea Hatz zuvor erklärt. Und sie sagt: „Wodurch der Sturz über das Geländer erfolgte, lässt sich aus dem Verletzungsbild nicht schließen.“ Und dass die  Höhe der Brüstung von nur 83 Zentimetern eine Rolle gespielt haben könnte, hält sie für spekulativ. So sieht es auch die Kammer, die ein von der Verteidigerin beantragtes bautechnisches Gutachten ablehnt.

Warum die junge Frau im Streit in den Tod stürzte,  kann natürlich auch die psychiatrische Sachverständige Dr. Sylvia Leupold nicht erklären. Leupold: „Bei mir hat er immer nur von einem Unfall gesprochen.“ Dann zeichnet sie  den von Tiefpunkten durchzogenen Lebensweg des Angeklagten auf. Hinwendung zum Alkohol schon in der Kindheit, Störung des Sozialverhaltens und das Bestreben, Zurücksetzungen mit Aggressivität zu begegnen. Leupold: „Der Angeklagte mag in den letzten Jahren eine gewisse Entwicklung durchlaufen haben, aber besonders unter Alkohol fehlt ihm die Kontrolle über seine Impulse.“ Die Fachärztin nennt sein Hauptproblem: „Gewalt ist bei ihm eine Frage des Alkohols, besonders wenn er sich benachteiligt fühlt.“ Eine Therapie sei auf jeden Fall erforderlich.

Staatsanwalt Schomer sieht in seinem Schlusswort nur zwei Alternativen: „Freispruch, wenn es ein Unfall war, oder eine Verurteilung zu langer Haft.“ Er erwähnt auch, dass die Ermittlungsrichterin nach der Festnahme des Angeklagten zunächst von Totschlag ausgegangen sei,  aber „dazu fehlen uns die Beweismittel“. Man wisse nichts Konkretes über die letzten entscheidenden Sekunden. Also doch Unfall und Freispruch? Der Ankläger sieht einen anderen Weg, verweist auf die Rechtsprechung des BGH und zitiert eine Reihe von Urteilen nach ähnlichen Dramen. Es geht um selbstschädigendes Panikverhalten des heftig attackierten Opfers.  Durch die Aussichtslosigkeit der Situation sei dem Opfer die Fähigkeit zum klaren Denken genommen. Es komme zu einer tödlichen Reaktion, deren Folgen sich der Angreifer zurechnen lassen müsse. „So war es auch hier und es spielt keine Rolle, ob sie selber übers Geländer sprang oder darüber fiel. Ursächlich sei der Angeklagte gewesen“, sagt Schomer und beantragt neun Jahre Haft. Verteidigerin Schwiering verweist nochmals auf die geringe Geländerhöhe und erinnert an das positive Verhalten ihres Mandanten nach dem Sturz, als er ihr sofort besorgt zur Hilfe eilte. Schwiering: „Was genau auf der Terrasse passiert ist, kann nicht rekonstruiert werden. Ein Zusammenspiel mehrerer unglücklicher Umstände, die für ihn nicht vorhersehbar waren.  Im Zweifel für den Angeklagten.“ Ihr Mandant  trauere um die Freundin, wie auch der Anstaltspfarrer ausführlich dargestellt habe. Schwierings Antrag hat zwei Alternativen: Eine milde Verurteilung für einen minder schweren Fall der Körperverletzung mit Todesfolge oder Freispruch, falls man von einem Unfall ausgeht.

Die Kammer entscheidet im Sinne der Anklage, wenn auch um ein Haftjahr abgemildert. Fazit der Vorsitzenden: „Die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt wäre eine Option gewesen. Aber ohne Erfolgsaussichten, denn der Angeklagte wehrt sich dagegen und hat das auch so erklärt.“

Das Urteil ist nicht rechtskräftig.