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Hunsrücker Kino-Geschichte wird lebendig

 Edgar Reitz (Mitte) war der Ehrengast bei der Eröffnung der Ausstellung zur heimischen Kinogeschichte im Simmerner Hunsrück-Museum. Foto: Werner Dupuis
Edgar Reitz (Mitte) war der Ehrengast bei der Eröffnung der Ausstellung zur heimischen Kinogeschichte im Simmerner Hunsrück-Museum. Foto: Werner Dupuis
Simmern/Morbach. Seit der Heimat-Trilogie von Edgar Reitz beschäftigt sich das Hunsrück-Museum auch mit dem Film. Gemeinsam mit dem Pro-Winzkino entstand die Ausstellung "Kino im Hunsrück". Von Werner Dupuis

Edgar Reitz legte mit seiner Trilogie "Heimat" den Grundstein für eine besondere Sensibilität zum Film. Das Hunsrück-Museum widmet schon seit Jahren einen Teil seiner Aktivitäten diesem Thema. Das mehrfach prämierte Pro-Winzkino genügt mit seinem ambitionierten Programm höchsten Ansprüchen. Aus dieser besonderen Melange entstand jetzt eine Sonderausstellung über die Kinogeschichte im Hunsrück. Der gebürtige Morbacher Reitz kam zur Ausstellungseröffnung und hatte eine besondere Kopie, seine 1973 in Simmern uraufgeführte "Die Reise nach Wien", im Gepäck.

Der Hunsrück lässt Edgar Reitz nicht los



Bevor das Publikum an dem mit großem Aufwand restaurierten und in prächtigen Farben leuchtenden "Reise nach Wien" erfreuen konnte, gab's Fakten von Pro-Winzkino-Sprecher Wolfgang Stemann. Zurzeit findet im Kino eine technische Revolution statt. Von kiloschweren Filmrollen wird die Projektion auf digitale Technik umgestellt. 150 000 Euro müssen dafür in Simmern investiert werden. "Wenn wir in diesem Jahr nicht digital werden, ist die Zukunft des Pro-Winzkinos gefährdet", bekundete Säemann. "Um konkurrenzfähig zu bleiben, kommen wir nicht daran vorbei." Im vergangenen Jahr erst hatte die Kino-Initiative mit großem finanziellen Aufwand einen zweiten Saal in Betrieb genommen: "Damals dachten wir, wir seien für die nächsten Jahre aus dem Gröbsten draus." Wie bei allen bisherigen Kinoprojekten sagte Stadtbürgermeister Andreas Nikolay Unterstützung zu.

Als Teil seiner eigenen Vergangenheit beschrieb Reitz seinen zur Matinee präsentierten Spielfilm "Die Reise nach Wien", die in Starbesetzung in weiten Passagen in Simmern spielt. Wie häufig bei solchen Einführungen, gab auch Reitz den Zuhörern einen Einblick in seine eigene Biografie. Er berichtete von seiner Flucht aus der für ihn unerträglich engen Welt des Hunsrücks nach seinem bestandenen Abitur am Simmerner Gymnasium. "Die Reise nach Wien" sei die erste Annäherung an seine eigentliche Heimat und die Stätten seiner Kindheit gewesen. Diese Bilder der Kindheit haben für Reitz eine "Kraft, die mit nichts zu vergleichen ist".

Noch in den 1970er-Jahren - als der Film entstand - sei der Umgang mit dem Dritten Reich ein "heißes Eisen" gewesen, dem er sich ganz bewusst in der Form einer Komödie genähert habe. "Nazis in die Pfanne zu hauen war damals noch tabu", sagte Edgar Reitz. Der Streifen war damals ein Flop an den Kinokassen und ein finanzielles Fiasko für seinen Regisseur. Beim Publikum stieß er vorwiegend auf Unverständnis. Die heutige Filmkritik bewertet ihn dagegen als seiner Zeit weit voraus. Das war auch die Meinung der Besucher der Ausstellungs-Matinee. Im Hunsrück-Museum sind bis zum Ende des Jahres eine Fülle von Dokumenten und Exponaten zur fast untergegangenen Hunsrücker Kinoherrlichkeit zu sehen. Heute setzt nur noch das Pro-Winzkino diese Tradition, die einst auch in Kastellaun, Emmelshausen, und Sohren blühte, erfolgreich fort.

Der Hunsrück lässt den in München lebenden Kinoschaffenden nicht los. Die gesamte vergangene Woche war Reitz auf Spurensuche unterwegs. Im Herbst wird er mit einem Team nach Brasilien starten, um dort eine Filmdokumentation über die Nachkommen Hunsrücker Auswanderer zu drehen. Auch hier ist er persönlich involviert, denn viele seiner Vorfahren sind nach Südamerika ausgewandert.

Öffnungszeiten des Hunsrück-Museums: täglich von 14 bis 17 Uhr. montags geschlossen. Infos: Telefon 06761/7009.