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Hunsrücker Kürbis und japanisches Sushi

Hunsrücker Kürbis und japanisches Sushi

NEUNKIRCHEN/THALFANG. Der 60-jährige Richard Pestemer aus Neunkirchen will ins Thalfanger Rathaus einziehen. Der Ferne Osten spielt im Privatleben des parteilosen Ortsbürgermeisters von Neunkirchen eine große Rolle.

Mit Richard Pestemer ein Gespräch über sein Privaleben zu führen, ist nicht ganz einfach. Der gebürtige Tetenhusener, Kreis Schleswig, landet schnell wieder in der Politik. Zum Beispiel, wenn die TV-Reporterin ihn nach seinem 18-jährigen Sohn Maximilian fragt. Zwei Sätze, und der Vater zweier Kinder - neben Maximilian gibt es noch die 37-jährige Eva - spricht von der demografischen Entwicklung und den Chancen der Jugend, dank Internet auch auf dem Lande leben und arbeiten zu können. Dass dies so ist, liegt daran, dass Politik und Privatleben beim Journalisten und Übersetzer eng zusammenhängen. Als Verfechter der Energiewende hat der 60-Jährige längst eine Holzheizung und hackt den Rohstoff auch selbst. Vor allem in den Sommermonaten versucht die Familie, vom Gemüse aus dem eigenen Garten zu leben. Ob Bohnen, Möhren, Zucchini oder Kürbisse bis hin zu den Frühstückseiern wird alles selbst produziert. Doch die Rolle des Gartens offenbart eine weitere Seite in Pestemers Leben. Wie die Japaner meditiert er dort auch. Das ist kein Zufall. Denn die Liebe zu Japan hat sein Leben geprägt. Er hat nicht nur die Sprache an der Universität Bonn studiert. Auch Ehefrau Noriko Katsuki-Pestemer, mit der er seit 19 Jahren verheiratet ist, stammt aus dem Land der aufgehenden Sonne. Sie teilt seine Liebe zur Literatur. "Schon als Kind habe ich Hermann Hesse gelesen", erzählt die Hochschulprofessorin. Sie lehrt an der Universität Trier Japanisch. Doch fernöstliche Traditionen haben sich nur teilweise in den Haushalt der Pestemers eingeschlichen. Tee stammt bei ihnen meist aus dem Beutel. Und auch beim Frühstück spürt man kaum japanischen Einflüsse. Doch beim Abendessen kommt es schon mal zum "Cross Over" der Kulturen. "Manchmal stehen Schwenkbraten und Sushi gleichzeitig auf dem Tisch", sagt der 60-Jährige schmunzelnd. Seit sich Pestemer entschieden hat, für das Amt des Verbandsgemeinde (VG)-Bürgermeisters zu kandidieren, hat sich sein Alltag verändert. Er ist weniger zu Hause, doch das Familienleben leidet nach Aussagen der Beteiligten nicht darunter. "Diskutiert wird bei uns genau so viel wie sonst. Meine Frau ist meine schärfste Kritikerin", sagt der heute parteilose Kandidat, der früher für die Grünen Fraktionsgeschäftsführer im Kölner Stadtrat war. Derzeit engagiert sich der Einzelkandidat für die FWG im VG-Rat Thalfang und auf Kreisebene für die Vereinigung Bürger für Bürger (VBB). Organisationen sind für ihn "nur ein Instrument, um gemeinsame Interessen und Ziele durchzusetzen". Die Zeit muss sich Pestemer derzeit mehr als bisher einteilen. Denn der freiberufliche Journalist, Übersetzer und Herausgeber von "Tacheles Regional", einer Online-Zeitschrift, ist ehrenamtlich Ortsbürgermeister von Neunkirchen. Und der müsse sich mit vielen Dingen beschäftigen: von der Abrundungssatzung bis zu kaputten Straßenlaternen. "Das ist heute faktisch ein Halbtagsjob", betont Pestemer. Und all dies dürfe nicht vernachlässigt werden. Wie diesen "Job" nimmt er den Wahlkampf ernst. Er hält sich nicht für einen "Zählkandidaten": "Ich spüre viel Unzufriedenheit. Das Rennen ist offen."