1. Region
  2. Mosel, Wittlich & Hunsrück

Hunsrücker und Brasilianer streben einen regen Austausch an - Simmern sucht Familien und Betriebe für Praktikanten aus Igrejinha

Hunsrücker und Brasilianer streben einen regen Austausch an - Simmern sucht Familien und Betriebe für Praktikanten aus Igrejinha

Viele Hunsrücker wanderten im 19. Jahrhundert nach Brasilien aus, um der Armut zu entfliehen. Die Kontakte in die alte Heimat rissen aber nie ab. Die Auswanderer wollen mehr erfahren über das Land ihrer Vorfahren.

Simmern. Vor gut einem Jahr während der Weltpremiere des Reitz-Epos "Die andere Heimat" in der Kreisstadt krönten Simmern und das brasilianische Igrejinha ihre Partnerschaft mit Brief und Siegel. Zuvor hatten beide Stadträte die Freundschaft einstimmig beschlossen. Viele der 31 000 Einwohner Igrejinhas haben ihre Wurzeln im Hunsrück, die Vorfahren wanderten im 19. Jahrhundert nach Südamerika aus. Heute wollen sie mehr erfahren über das Land und die Region, in der ihre Großeltern einst beheimatet waren. Eine echte Partnerschaft besteht nicht nur aus einigen Unterschriften auf einer Urkunde. Sie muss mit Leben ge- und erfüllt werden. Deshalb reiste vor wenigen Wochen eine 26-köpfige Delegation aus Simmern in den Bundesstaat Rio Grande do Sul nach Igrejinha. Dort wurde die Freundschaft zwischen Hunsrückern und Brasilianern in einem offiziellen Festakt erneut besiegelt.
Die Simmerner besuchten auch das große Oktoberfest und machten sich in Schulen, öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen ein Bild von der Situation in ihrer Partnerstadt.
Jetzt soll der nächste Schritt folgen: Hunsrücker und Brasilianer streben einen regen Austausch an. "Wir wollen das Verhältnis auf andere Beine stellen als nur Spaß, Feiern und Oktoberfest", erläutern Stadtbürgermeister Andreas Nikolay, die beiden Partnerschaftsbeauftragten Irene Theiß und Andreas Nau sowie Otto Mayer vom Verein der Brasilienfreunde Simmern.
"Der Wunsch der Menschen in Igrejinha ist es, von unseren Erfahrungen und Kenntnissen zu partizipieren", erklären sie. "Wir sind dort sehr herzlich aufgenommen worden und Brasilien ist auch kein Entwicklungsland mehr. Aber natürlich herrschen dort noch andere Standards als bei uns in Deutschland. Man hat immer wieder gespürt, wie neugierig die Menschen auf das Land ihrer Vorfahren, auf unser Sozialsystem und die Wirtschaft sind." Die Hunsrücker möchten dem Wunsch der Brasilianer, von uns zu lernen, mit zweierlei Maßnahmen entsprechen: Zum einen sollen junge Menschen aus Igrejinha die Chance auf ein mehrwöchiges Praktikum in Betrieben im Hunsrück bekommen, zum anderen könnten Handwerker, Verwaltungsfachleute oder Ingenieure im Ruhestand ihr Wissen an brasilianische Unternehmen vermitteln. "Unser Know-how ist dort sehr gefragt", weiß Otto Mayer. "Die Brasilianer nehmen sehr wohl die Unterschiede zwischen den beiden Ländern zur Kenntnis. Sie wollen nach vorne kommen", hat Irene Theiß bei ihrem Besuch erfahren. Deshalb sollen junge Brasilianer (ab 18 Jahren) mit deutschen Sprach- und entsprechenden beruflichen Vorkenntnissen in Industrie- und Handwerksunternehmen ein Praktikum absolvieren, um dort Betriebsabläufe und Technik kennenzulernen. "Die Menschen in Igrejinha sind sehr wissbegierig", erklärt Andreas Nau, "viele sprechen Hunsrücker Platt." Um sie unterzubringen, werden Hunsrücker Familien gesucht - auch um soziale Kontakte zwischen den Partnerstädten zu vertiefen.
Gefragt ist auch das Wissen der älteren Generation. Vor allem traditionelles Handwerk hat bei den Brasilianern einen hohen Stellenwert. "Sie sind begeistert von deutscher Qualität", sagt Bürgermeister Nikolay. "Die Unternehmen unserer Partnerstadt würden sehr davon profitieren, wenn ein Pensionär oder Rentner aus Industrie, Handwerk oder Verwaltung dort in die Betriebe geht und sie an seinen Erfahrungen teilhaben lässt."
Um entsprechende Kontakte, Aufenthaltsgenehmigungen und Unterbringung kümmern sich Brasilienfreunde und Stadtverwaltung gemeinsam. "So ein Austausch würde unsere Partnerschaft, aber auch den Kontakt zwischen Hunsrückern und brasilianischen Betrieben vertiefen", erläutern Mayer, Theiß, Nau und Nikolay. "Garantieren können wir schon jetzt, dass man in Igrejinha als Hunsrücker sehr herzlich aufgenommen wird."

Familien und Unternehmen, die einen brasilianischen Praktikanten aufnehmen möchten, sowie Fachleute aus Handwerk, Industrie oder Verwaltung, die für einige Wochen nach Igrejinha wollen, können sich bei Stadtbürgermeister Andreas Nikolay, Telefon 06761/837 301, informieren.