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Hunsrückquerbahn: Wo einst Raketen transportiert wurden, wachsen heute Fichten und Ginsterbüsche (Fotostrecke)

Hunsrückquerbahn: Wo einst Raketen transportiert wurden, wachsen heute Fichten und Ginsterbüsche (Fotostrecke)

Die Hunsrückquerbahn soll nach dem Willen von Eisenbahnfreunden wegen des Nationalparks zwischen Morbach und Thalfang wieder reaktiviert werden. Derzeit sind die Gleise wegen des starken Pflanzenbewuchses an einigen Stellen kaum noch zu erkennen. Doch bei einem Marsch über den Bahndamm lässt sich viel Spannendes entdecken.

Behutsam drückt Markus Göttert eine etwa 50 Zentimeter hohe Fichte zur Seite, die aus dem Gleisbett der Hunsrückquerbahn wächst. "Dort ist das Gleis leicht gerissen", sagt er. Schraubzwingen, die unter dem Gleisbett hindurch führen, verhindern, dass sich die Risse ausweiten. "Ein schwerbeladener Kohlezug könnte da nicht drüber fahren, aber ein Schienenbus wäre kein Problem", sagt er.

Göttert ist Experte für die Hunsrückquerbahn zwischen Langenlonsheim und Türkismühle. Sein Vater und sein Großvater waren wie er bereits bei der Bahn beschäftigt. Dazu hat Markus Göttert das im Mai diesen Jahres eröffnete Hunsrückbahnmuseum in Emmelshausen mit aufgebaut und engagiert sich bei der IG Nationalparkbahn Hunsrück-Hochwald, einem Verbund zweier Vereine, die sich für den Erhalt der Bahnstrecke und die Wiederaufnahme des Zugverkehrs für touristische Zwecke einsetzen.

Auf dem Abschnitt zwischen dem Bahnhof Deuselbach und der Deuselbacher Brücke, wo die Gleise und Schwellen vor lauter Sträuchern, kleinen Fichten und Gräsern, die auf dem Bahndamm wachsen, kaum noch zu erkennen sind, weist Göttert auf eine weitere Besonderheit der Gleise hin. Denn diese sind außen abgefahren, während an den eigentlich mehr beanspruchten Innenseiten keine Abnutzungsspuren zu erkennen sind.

Des Rätsels Lösung: "Die Schienen sind wahrscheinlich um 1880 produziert worden und waren zuerst am Rhein im Einsatz. Dort wurden sie wieder abgebaut und beim Bau der Hunsrückbahn umgedreht wieder verlegt." Der geringe Zugverkehr hat die Schienen in den 113 Jahren seit Inbetriebnahme kaum abgenutzt. In den 1990er Jahren wurde die Strecke aus militärischen Gründen noch saniert, und die 15 Meter langen Gleisstücke sind miteinander verschweißt worden. In einigen wenigen Bereichen, wie hier bei Deuselbach, kam es nicht mehr dazu. "Wäre die Grenzöffnung nicht 1989, sondern ein Jahr später erfolgt, wäre alles verschweißt", sagt Göttert. Heute seien die Einzelstücke ein Vorteil, wenn Gleise ausgetauscht werden müssten, sagt er.

Panzer konnten über diese Strecke per Bahn befördert werden, für die die Tunnel an den Bahnlinien an Mosel und Nahe nicht breit genug gewesen waren, erläutert Göttert die strategische Bedeutung der Linie für die Militärs. Im 2. Weltkrieg waren hier bereits V1- und V2 -Raketen transportiert worden. Und auch Juden seien im Dritten Reich über die Linie befördert worden. "Hier hat sie keiner gesehen", sagt Göttert.

Der Marsch über die von Gras, Ginster und Brombeersträucher bewachsenen Gleise geht weiter, über seinerzeit wochenlang von Hand aufgeschüttete 40 Meter hohe Dämme und vorbei an einigen übriggebliebenen alten Masten mit Porzellanisolatoren, an denen schon lange keine Leitungen mehr hängen. Schließlich kommt Göttert mit einigen Neugierigen, die sich für die Geschichte der Hunsrückbahn interessieren, zur 86 Meter langen Deuselbacher Brücke. Sie war im Zweiten Weltkrieg gesprengt und 1947 bis 1950 wieder aufgebaut worden.

"Vor 100 Jahren wären wir jetzt angehalten und festgenommen worden", sagt Göttert wenige Meter hinter der Brücke. Denn dort habe damals ein Haus für die Brückenwache gestanden, bestehend aus zehn bis zwölf Veteranen aus dem 1870er Frankreichkrieg, die während des Ersten Weltkriegs verhindern sollten, dass Saboteure die Brücke sprengten. Nur wenige Steinhaufen, die unter dem Moos und den Bäumen kaum noch zu erkennen sind, sind von dem Gebäude übrig geblieben.

Durch den 239 Meter langen Tunnel - ein Eingang ist noch 1987 mit Beton ausgespritzt worden - gelangt man schließlich zum ehemaligen Betriebsbahnhof in Morscheid. Über einem ursprünglich vorhandenen zweiten Gleis, das längst verschwunden ist, hingen im Zweiten Weltkrieg Tarnnetze, sagt Göttert. Darunter seien Züge versteckt worden. Nach dem Krieg sei das zugehörige Stellwerk noch lange besetzt gewesen, sagt er: "Für zwölf Züge am Tag." Überhaupt sei es auf der Hunsrückbahn weniger geschäftig zugegangen als auf anderen Bahnlinien. Habe ein Güterzug mal ein Reh erwischt, so habe der Lokführer angehalten und das Reh zum Ausbluten außen an die Lokomotive gehängt. "In der Simmerner Rottenhütte hat es deshalb drei Kühlschränke für sechs Leute gegeben", sagt Göttert.

Ob die Bahnstrecke tatsächlich reaktiviert wird, zuerst auf dem Abschnitt Morbach - Deuselbach (Nationalparktor) - Thalfang, ist derzeit noch ungewiss. Bei Straßenbauarbeiten beim Bahnübergang in Morbach habe man verhindern können, dass die Schienen demontiert worden sind, die Schranken seien eingelagert. An den Bahnübergängen könnten die benötigten Rillen leicht aus dem Asphalt herausgefräst werden. "Nationalpark und Bahnstrecken können sich durch gegenseitige Synergieeffekte optimal ergänzen", heißt es von Seiten der IG Nationalparkbahn.