"Ich brauche das Training, am liebsten täglich"

"Ich brauche das Training, am liebsten täglich"

Rhythmus, Tempo, Witz und Mut: Das Programm des Straßenkinder-Zirkus Upsala kam richtig gut an.

Hoch sind sie geflogen und weit sind sie gesprungen, die jungen Artisten des Zirkus Upsala aus St. Petersburg. Sie haben ihr Programm unter freiem Himmel dargeboten, und zwar da, wo die Stadt am schönsten ist: mitten auf dem Marktplatz. Salti und Jonglagen, Clownerien und Akrobatik zeigten sie dem begeisterten Publikum aller Altersstufen, das den Markt zu dieser Stunde bevölkerte. Dabei haben die jungen Frauen und Männer - auf Deutschlandtournee sind diesmal sieben Ensemblemitglieder zwischen 14 und 18 Jahren gegangen - die Schattenseite des Lebens bereits zur Genüge kennen gelernt. Alle waren schon auf der Straße gelandet. Ein Sozialprojekt, initiiert von einer deutschen Sozialarbeiterin, bemühte sich um Re-Integration in die russische Gesellschaft, in der es nach dem Zusammenbruch der Sowjetmacht an allen Ecken kriselt. Finanziert wird das Projekt aus deutschen Geldern. Dass der russische Staat sich so gar nicht um sie kümmert, verstehen die Upsala-Mitarbeiter nicht. "Unsere Arbeit ist doch so wichtig für das Funktionieren des Gemeinwesens", meint Larissa. Die Studentin der Theaterwissenschaften spricht bereits ziemlich gut deutsch und fungiert auf dieser Tour als Übersetzerin. Suppenküchen und Krankenzentren, das habe es schon gegeben in ihrer Heimatstadt. Damit habe man vielleicht menschliche Primärbedürfnisse gestillt, eine Perspektive, wofür sich der tägliche Einsatz junger Menschen lohne, könne man damit aber nicht vermitteln. Selbst die Suche nach Proberäumen gestaltet sich ungeheuer schwierig. "Wir trainieren inzwischen schon im zehnten Gebäude - in vier Jahren!" Zur Zeit ist dies die Sporthalle an einer Schule für Lernbehinderte. Trotz aller Widrigkeiten: "Wenn ich mal einen Tag nicht trainiert habe, weiß ich gar nichts mit mir anzufangen", gesteht Natascha. Oder der schon volljährige Micha, mitsamt dem jüngeren Bruder Kolja bereits seit fünf Jahren dabei: "Ich brauch das Training, am liebsten täglich", sagt er. Nicht das Reisen steht bei der Truppe im Vordergrund, nicht die weite Welt lockt sie, wie Westler immer noch gerne unterstellen. Es ist die körperliche Herausforderung, die sie zusammenhält: Von montags bis samstags, und das rund ums Jahr. Als Beruf schwebt trotzdem niemandem die Artistik vor - noch nicht, sagt Larissa. Dass eine Auslandstournee sie bereichert und den eigenen Horizint erweitert, steht aber außer Frage. Im Kloster Himmerod, wo die jungen Artisten übernachteten, durften sie jetzt mit Email arbeiten. Angeleitet wurden sie dabei von Gertrud Rittmann-Fischer, der Vorsitzenden des Crea- tiv-Kreises International CKI, der traditionell eine lebendige Verbindung zu Russland unterhält und auch den Kontakt zu Upsala herstellte. Zur Entspannung ging es mit Pater Stephan zum "Wilden Sport" in die Weiher.