Im Krankenhaus der Schwäne

TRABEN-TRARBACH./ZELL. Beruflich pflegt Lothar Lorig aus Trier kranke Menschen. Seine gesamte Freizeit widmet er der Pflege verletzter Moselschwäne. Denn die großen, eleganten Wasservögel, die die Flusslandschaft zwischen Koblenz und Trier bereichern, kommen ohne Hilfe von Tierschützern nicht mehr aus.

Ganz brav im Gänsemarsch strebt eine Hand voll Schwäne aus dem Stall, um sich in einen kleinen Weiher gleiten zu lassen. "Unser Kindergarten hat Ausgang", lacht Lothar Lorig aus Trier und ruft die Wasservögel einzeln liebevoll beim Namen. Wenn sich die Jungschwäne in ihrem Element tummeln, bemerkt man ihre teils schweren Verletzungen kaum. Sie schwimmen umher, putzen ihre Federn oder tauchen kopfüber unter. "Die zwei sind verliebt", erklärt Lohrig und deutet auf ein Schwanenpärchen, das zärtlich miteinander schnäbelt und die schlanken Hälse zu einem Herz formt. Zusammen mit wenigen Mitstreitern - meist allerdings allein - kümmert sich der Krankenpfleger in seiner Freizeit auf einem ehemaligen französischen Kasernengelände um in Not geratene Schwäne. Zu seinen Patienten gehören vor allem Vögel aus dem Trierer und Luxemburger Raum. Er nimmt aber auch oft Schwäne auf, die im Kreis Cochem-Zell hilflos gefunden werden, wie zum Beispiel Emma. Ihr wurde am Moselufer in Cochem von einem achtlos geworfenen Angelhaken die Hälfte ihres Schnabels weggerissen. Das ist schon schlimm genug, empört sich Lorig: "Doch als sie zu uns kam, waren ihre Beine zertrümmert, und das kann nur mutwillig passiert sein." Zunehmend sind die schweren Schäden, die viele Schwäne durch Gedankenlosigkeit, aber auch durch mutwillige Quälereien von Anglern erleiden, stellt Lorig fest. An eine Folterkammer erinnert die umfangreiche Sammlung der Anglerutensilien, die Tierärzte aus den Mägen, Schnäbeln, Flügeln oder Füßen der Wasservögel operiert haben: scharfkantige und spitze Haken in allen Formen und Größen, Bleikugeln, meterlange Plastikschnüre. Im Stall neben Emma torkelt ein Schwan umher, dem beide Flügel gestutzt wurden. Auch ein anderer hat das Gleichgewicht verloren. Als er gebracht wurde, waren seine gebrochenen Flügel auf dem Rücken über Kreuz fest zusammen gebunden. Nicht allen Moselanglern macht Lorig harte Vorwürfe: "Alteingesessene Angler sind Tierschützer. Die achten darauf, dass sie ihre Köder nicht in Schwanenkolonien auswerfen. Die lassen auch keine gefährlichen Haken oder Schnüre am Ufer zurück." Es sind die zugereisten Freizeitangler, die glauben, keine Verantwortung für die Natur und die Tiere am Fluss zu haben, erklärt der Krankenpfleger. "Das ist nicht nur so eine Behauptung. Wir beobachten das bei unseren regelmäßigen Kontrollgängen am Moselufer." Auffallend ist auch, dass die Eingänge von verletzten Schwänen in den Sommerferien zunehmen. In einer Halle der stillgelegten Kaserne haben die Tierschützer eine Schwanen-Pflegestation eingerichtet. Die schweren Fälle wie Emma haben "Einzelzimmer", während die anderen in Gruppen untergebracht sind. Es gibt einen Behandlungsraum, eine Futterküche und ein kleines Büro, wo die Pflege der gefiederten Patienten penibel dokumentiert wird. In einem Regal stapeln sich Fotos von verletzten Schwänen und von solchen, die trotz liebevoller Sorge nicht überlebt haben. Der Platz, aber auch die Freizeit des Pflegers lassen eigentlich nur fünf bis sechs ständige Pflegefälle zu. Derzeit kümmert sich Lohrig allerdings um rund 25 Vögel. Er seufzt: "Was soll ich denn machen, wenn immer mehr schwer verletzte Tiere gebracht werden?" Häufig kommen Vögel schon nach kurzer Zeit zurück, nachdem sie gesund gepflegt an die Mosel zurückgebracht wurden. Mit Galgenhumor zeigt Lorig Fotos von hilflosen Schwänen, die in Taschen oder Körben mit der Bahn nach Trier gebracht wurden: "So sieht heutzutage ein Zugvogel aus."