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Im Wittlicher Gefängnis waren bis 1957 „Kriegsverurteilte“ inhaftiert.

Geschichte : Nicht nur „kleine Fische“ hinter Gittern

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren im Wittlicher Gefängnis bis 1957 sogenannte „Kriegsverurteilte“ inhaftiert.

Am 21. November 1957 verließ Julius Reiss aus Saarbrücken als letzter Häftling im „Kriegsverbrechertrakt“ das Wittlicher Gefängnis. Reiss war Anfang Juni 1946 festgenommen und Ende Oktober 1948 in Rastatt von einem französischen Militärgericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Kontrollratsgesetz Nr. 10) zum Tode verurteilt worden. Das Urteil wurde später in eine lebenslängliche Freiheitsstrafe mit Zwangsarbeit umgewandelt. Schon seit Juli 1947 hatte Ministerpräsident Peter Altmeier sich in besonderer Weise für die „Kriegsverurteilten“ in rheinland-pfälzischen Haftanstalten eingesetzt – vor allem christliche Motive bestimmten Altmeiers Handeln. Die letzte Entscheidung im Begnadigungsverfahren lag allerdings bei der französischen Justiz.

Altmeier berichtete im September 1953 dem Bundeskanzleramt in Bonn, bis dato 800 Jahre Gesamtnachlass an Haftzeit für Häftlinge in Wittlich und Germersheim sowie Diez, wo Frauen interniert waren, erreicht zu haben. Für wen genau sich der Ministerpräsident durch Einzel- und Sammelgnadengesuche einsetzte, war ihm zumindest in den ersten Jahren nachweislich nicht immer klar: Er wusste weder Genaues zur Schwere der Belastungen noch kannte er die Einzelheiten der Urteile.  Seit Frühjahr 1952 verließ Altmeier sich vor allem auf Beurteilungsberichte der Wittlicher Anstaltsbeamten, die zwar recht detailliert, aber nicht weniger apologetisch waren und kaum eine kritische Betrachtung zum NS-Unrechtssystem erkennen ließen.

Begriffsverwirrung: Schon die unterschiedlichen Bezeichnungen für die Inhaftierten werfen ein  Licht auf die politische Bewusstseins- und Interessenslage, wenn es um die Inhaftierten in Werl (britische Zone), Wittlich (französische Zone) und Landsberg (amerikanische Zone) ging. Wer von „Kriegsverurteilten“, „so genannten Kriegsverbrechern“ oder gar „politischen Gefangenen“ sprach, ließ bereits ein erhebliches Maß an ideologischer Festlegung und Ressentiment gegen die „Siegerjustiz“ erkennen. In Wittlich und Werl saßen indessen überwiegend Männer ein, die gerade nicht als Soldaten für schwerste Verbrechen im Rahmen von Kriegshandlungen verantwortlich waren – so auch Julius Reiss, der von 1942 bis 1945 im Konzentrationslager Hinzert als Kommandochef und SS-Unterscharführer gewütet hatte und von mehr als 30 Zeugen im Rastatter Prozess schwer belastet worden war.

Gedenkwoche mit Treuekundgebung in Wittlich: Die unscharfe Trennlinie zwischen noch nicht zurückgekehrten deutschen Kriegsgefangenen überwiegend aus Osteuropa und in deutschen Gefängnissen einsitzenden NS-Verbrechern war auch in der „Gedenkwoche“ erkennbar, auch wenn man wiederholt bekundete, sich nicht für „Verbrecher“ einzusetzen, wohl aber „Gerechtigkeit für alle“ einforderte. Die „Gedenkwoche“ fand Ende Oktober 1952 mit einer von über 1000 Menschen besuchten „Treuekundgebung“ auf dem Wittlicher Marktplatz ihren Höhepunkt und Abschluss. Im Wittlicher Tageblatt war im Vorfeld zu lesen, „auf dem Fallerberg sollen Mahnfeuer abgebrannt werden, deren Schein die Zellen der politischen Gefangenen im Wittlicher Gefängnis erhellen und ihnen sagen soll, daß man sie nicht vergessen hat. Gleichzeitig sollen diese Mahnfeuer ein Protest gegen die Festhaltung von Gefangenen sein, die nach deutscher Auffassung keine Kriegsverbrecher sind.“ Der Verband der „Heimkehrer, Kriegsgefangenen- und Vermißten-Angehörigen Deutschlands“ als Veranstalter der „Gedenkwoche“ forderte darüber hinaus „die Freilassung aller Kriegsverurteilten ohne Unterschied von Rang und Namen und die Überstellung der Verbleibenden unter die deutsche Gerichtsbarkeit. Grundsätzlicher konnte man das Misstrauen gegen die Gerichte der Besatzungsmächte kaum formulieren.

Adenauer hatte im Vorfeld der „Gedenkwoche“ darauf gedrungen, jegliche Provokationen zu unterlassen – die Veranstalter in Wittlich verzichten daher auf eine geplante Demonstration direkt vor dem Wittlicher Gefängnis. Der damalige Bundeskanzler wollte um jeden Preis vermeiden, dass seine Bemühungen um die Westintegration und die Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik im Rahmen der geplanten Europäischen Verteidigungsgemeinschaft von revanchistischen Kräften nachträglich gestört würden. Gleichwohl drängte auch Adenauer schon früh auf eine endgültige Bereinigung der „Kriegsverbrecherfrage“. Insbesondere die beiden kleinen Koalitionsparteien FDP und DP (Deutsche Partei) setzten zusammen mit verschiedenen Soldaten-Verbänden und den beiden Kirchen den Kanzler mächtig unter Druck und stilisierten die Freilassung der „Kriegsverurteilten“ zu einer Frage der nationalen Ehre: So lange noch „ein Kamerad wegen Kriegsverbrechens“ hinter alliierten Gittern sitzt, sei an einen deutschen Wehrbeitrag nicht zu denken. Auch die deutsche Presse, mit Gründung der Bundesrepublik 1949 nicht mehr unter alliierter Kontrolle stehend, machte so gut wie ausnahmslos Stimmung gegen die „Siegerjustiz“ der Alliierten.

Inhaftierte in Wittlich: In den 61 Rastatter Prozessen von Mai 1946 bis Mai 1950 ergingen rund 2000 Urteile; freigesprochen wurden 484 Angeklagte – 61 Todesurteile wurden vollstreckt. In Wittlich befanden sich im Mai 1950 noch 273 Personen in Haft, darunter auch Täter, die ursprünglich zum Tode verurteilt worden waren. Dass kein Wittlicher Häftling seine Strafe vollständig verbüßen musste – die längste Haftzeit betrug knapp zwölf Jahre – wurde von den Kritikern der französischen Justiz und Militärverwaltung allzu gerne verschwiegen. So wurde auch Otto Baumann, SS-Angehöriger und Chef eines Krankenblocks im KZ-Mittelbau-Dora, ursprünglich wegen vielfacher Misshandlungen kranker Häftlinge zu 15 Jahren Haft mit Zwangsarbeit verurteilt, nach sieben Jahren begnadigt. Bereits im März 1949 hatte Altmeier für den ehemaligen SS-Unterscharführer im KL Hinzert, Anton Pammer, eine Umwandlung der Todesstrafe in eine Haftstrafe gefordert. Der frühere Gärtner Pammer hatte den Tod von mindestens sechs Häftlingen persönlich zu verantworten. Im April 1954, nach neun Jahren Haft, konnte Pammer das Wittlicher Gefängnis verlassen, nachdem der französische Anstaltsarzt einen schlechten Gesundheitszustand attestiert hatte. Der ehemalige Oberwachtmeister im „Arbeitshaus“ Schloss Kaltenstein bei Vaihingen an der Enz, Julius Boecherer, wurde wegen schwerster Häftlingsmisshandlungen in zahlreichen Fällen in Rastatt zum Tode verurteilt. Im Februar 1950 erfolgte die Abänderung des Urteils in 20 Jahre Haft mit Zwangsarbeit. Boecherer, von den Häftlingen „Gespenst vom Kaltenstein“ genannt, hatte seinen Sadismus bevorzugt gegen intellektuelle Häftlinge gerichtet, so auch gegen den in Wittlich im März 1944 denunzierten und nach einem Urteil des Berliner Volksgerichtshofes nach Vaihingen überstellten Sprachlehrer Paul Hoenen. Der junge Mann, verurteilt wegen „Wehrkraftzersetzung durch defätistische Äußerungen“, war bei der Evakuierung des „Arbeitshauses“ von einem Wachmann im Beisein Boecherers erschossen worden. Dieser konnte schon nach vier Jahren das Wittlicher Gefängnis verlassen – zuvor hatte er andernorts fünf Jahre in Untersuchungshaft gesessen. Hoenens Denunziant, der Wittlicher Arzt Dr. Karl Heinz Ronde, wurde 1951 von einem Trierer Gericht freigesprochen – Dr. Ronde habe nur seine Pflicht getan. Kurz war auch die Haftzeit von Ewald Löttgen, Angehöriger des Volkssturms, der einen notgelandeten französischen Piloten kaltblütig erschossen hatte. Der SS-Mann Eugen Walz, 1950 zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt, war an der Erschießung von acht polnischen Zwangsarbeitern beteiligt, wobei er 14- bis 15-jährige Hitlerjungen in die Hinrichtungsaktion einbezogen hatte. Nach fünf Jahren war Walz wieder auf freiem Fuß.

Im Mai 1952 berichtete die Illustrierte Neue Revue über die Inhaftierten von Wittlich. Foto: TV/Neue Revue
Die Fußballmannschaft des Gefängnisses Wittlich, abgedruckt in der Neuen Revue 1952. Foto: TV/Neue Revue

Das ganze Spektrum der NS-Verbrechen: Die Beispiele ließen sich fortsetzen und unter den 100 untersuchten Fällen, die von Wittlicher Gefängnisbeamten zur Begnadigung vorgeschlagen waren, befand sich lediglich ein Angehöriger einer regulären Wehrmachtsdivision. Ansonsten decken die Verbrechen der Inhaftierten das gesamte Spektrum dessen ab, was in NS-Prozessen nach Kriegsende an Grausamkeiten und Gewalttaten zu verhandeln war. In Wittlich saß zwar keine „NS-Prominenz“ ein, aber schwer belastete Männer, die man auf keinen Fall als „kleine Fische“ verharmlosen kann, wie das in einer zweiteiligen Bildreportage der Illustrierten Neue Revue im Mai 1952 zu lesen war.  Wenn den französischen Gerichten in Einzelfällen Unkorrektheiten nachgewiesen werden konnten, wurden diese Urteile in Revisionsverfahren überprüft und – wenn geboten – deutlich abgemildert.