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"Immer mehr Kinder sind aufällig und brauchen Behandlung"

"Immer mehr Kinder sind aufällig und brauchen Behandlung"

Der deutsche Kinderschutzbund lädt am Freitag, 14. Februar, im Mehrgenerationenhaus zu einem Vortrag von Dr. Michael Winterhoff ein. Er ist Kinderpsychiater und hat in Büchern beschrieben, wie Kinder zu Tyrannen werden.

Wittlich. Der Kinderschutzbund Bernkastel-Wittlich feiert seinen 30. Geburtstag. Unter dem Motto "Familie - M(macht) - Zukunft" werden viele Aktionen angeboten. Der Vortrag mit Dr. Michael Winterhoff am morgigen Freitag ist eine. Er ist ausverkauft. TV-Mitarbeiterin Christina Bents hat mit Winterhoff gesprochen. Warum haben Veranstaltungen, in denen es um Erziehungsfragen geht, einen so großen Zulauf?Winterhoff: Ich gebe keine Erziehungstipps, ich bin Kinderpsychiater und stelle einen dramatischen Zustand fest. Dass immer mehr Kinder auffällig sind und Behandlung brauchen. Dazu kommt, dass 50 Prozent der Jugendlichen nicht mehr arbeitsfähig sind.Was ist denn heute anders als vor 20 Jahren an der Kindheit?Winterhoff: Wenn sie 1995 in eine Grundschulklasse gekommen sind, konnten die Kinder vier Stunden lang ruhig sitzen bleiben, haben die Lehrerin anerkannt, auch Dinge getan für die sie gerade keine Lust hatten. Es waren vielleicht zwei Kinder auffällig. Heute liegen die Kinder auf dem Boden, können sich nicht konzentrieren und sind nicht leistungsbereit.Warum ist das so? Winterhoff: Weil immer mehr Eltern, Erzieher und Lehrer kein angemessenes Gegenüber sind. Das ist übrigens nicht nur bei uns so, sondern auch in allen anderen Wohlstandsstaaten. Die Menschen sind mit dem gesellschaftlichen Wandel vom analogen ins digitale Zeitalter überfordert. Permanente Erreichbarkeit, Orientierungslosigkeit, fehlende Sicherheit und Anerkennung setzen sie in eine Art "Katastrophenalarm". Das wirkt sich auf das Kind aus.Können sie das anhand eines Beispiels verdeutlichen? Winterhoff: Die Oma verwöhnt das Kind. Das haben Omas auch schon früher gemacht. Ihren Enkeln beispielsweise das Lieblingsessen gekocht. Aber vor 20 Jahren haben sie vom Kind auch etwas verlangt, dass sich das Kind vor dem Essen die Hände wäscht und während der Mahlzeit sitzen bleibt. Heute kann das Kind am Tisch machen was es will, weil die Oma Angst hat, dass das Kind nicht mehr zu ihr kommt, wenn sie etwas von ihm verlangt. Das Kind hat also kein Gegenüber mehr. So sind auch Eltern, Erzieher und Lehrer unbewusst in Gefahr, partout geliebt werden, oder sehen das Kind als Teil von sich selbst an.Wohin führt das unsere Gesellschaft? Winterhoff: Die Kinder können sich einfach nicht mehr entwickeln. Viele sind im Erwachsenenalter nicht in der Lage, Beziehungen aufzubauen, sind nicht arbeits- oder lebensfähig. Was kann man daran ändern? Winterhoff: Die Erwachsenen selbst müssen in sich ruhen, sonst funktioniert es nicht. Es geht also nicht um Erziehungsstile, sondern darum, Kinder als Kinder wahrzunehmen und nicht als einen Teil von sich selbst. Die Politik tut nichts. In Österreich und Belgien fließen schon tiefenpsychologische Ansätze in Bildungseinrichtungen ein.Haben sie selbst Kinder? Ist es ihnen gelungen, sie als Kinder zu sehen?Winterhoff: Meine Kinder sind schon erwachsen. Als sie noch klein waren, gab es die Problematik noch nicht. Extra

Michael Winterhoff ist Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut. Seit 1988 ist der 59-Jährige als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bonn niedergelassen. Als Sozialpsychiater er auch im Bereich der Jugendhilfe tätig. Winterhoff hat sechs Bücher geschrieben. Im September 2013 wurde das aktuelle Werk "SOS Kinderseele" im Bertelsmann Verlag veröffentlicht. chb