Immer weniger Touristen bleiben über Nacht
Wittlich · Wenn einer eine Reise tut … dann fällt seine Wahl nur selten auf Wittlich. Wander- und Radwege bringen zwar zusätzliche Touristen, aber die Übernachtungszahlen in Hotels sind seit 2008 um ein Drittel gesunken.
Wittlich. Fremdenverkehrsort Wittlich. So mancher schmunzelt, der dies hört. Doch es gibt sie, die Touristen. Auf dem Pariser Platz lassen sie es sich bei Eis und Cappuccino gutgehen, schlendern durch die Gassen und lauschen dem Städteführer auf dem historischen Marktplatz.
Doch all das ist schnell gesehen, und so fahren sie bald wieder. Die Hotel-Übernachtungszahlen des statistischen Landesamts sprechen eine deutliche Sprache: 2008 lagen sie noch bei 40 848, 2009 bei 36 128, und 2010 erreichten sie mit 27 607 einen Tiefpunkt. 1997 gab es in Wittlich letztmals so wenige Übernachtungen, in den anderen Jahren wurde immer die 30 000er Marke, in den Jahren 1994, 2007 und 2008 gar die 40 000er Marke überschritten.
Allerdings: Es werden auch weniger Betten angeboten - derzeit 223 im Vergleich zu 390 im Jahr 2008.
Die Zahl der Gäste wiederum hat sich nur wenig verändert. 2010 waren es etwa 15 400, 260 mehr im Jahr zuvor, aber 460 weniger als 2008. Einen großen Absturz gab es Mitte der 90er Jahre. Verzeichnete Wittlich 1995 noch 24 034 Gäste, waren es 1996 nur noch 21 760 und 1997 lediglich 17 066. Der Hauptgrund: Boomte Anfang der 90er das Reisegeschäft mit Ostdeutschen, ebbte es danach wieder ab. Seitdem bewegen sich die Gästezahlen zwischen 15 000 und 17 000 im Jahr.
Daran zeigt sich: Wer in Wittlich urlaubt, weilt nur kurz - im Durchschnitt 2,5 bis drei Tage, berichtet Karsten Mathar, Leiter der Moseleifel Touristik. Dazu kommen jährlich etwa 250 000 Tagestouristen, also Besucher, die länger als vier Stunden in Wittlich bleiben.
Zudem geht ein Großteil der Übernachtungen auf das Konto von Geschäftsreisenden. "Unter der Woche sind etwa 80 Prozent unserer Gäste Industrietouristen, die vorübergehend zum Beispiel bei Dr. Oetker oder Dunlop tätig sind", berichtet Elmer Rinkel, Inhaber des Hotels Well am Platz an der Lieser. Und wer am Wochenende anreise, habe meist einen privaten Bezug zu Wittlich.
Das Hotel Landhaus Rotenberg zählt zu den Häusern, wo die Touristen im klassischen Sinn auch länger bleiben - dem Wellnessangebot wegen. Doch ein wirklicher Fremdenverkehrsort sei Wittlich nicht. "Dafür wird zu wenig für die Gäste getan", sagt Inhaberin Ute Engel. Zwar hätten die Rad- und Wanderwege, vor allem die Schleifen des Eifelsteigs, vermehrt Gäste aus den Niederlanden und auch Deutschland angezogen. "Aber es ist noch mehr drin."
"Die Gäste, die kommen, sind begeistert. Sie klagen nur darüber, dass abends so wenig los ist in der Stadt." Vor allem die Gastronomie mit eifeltypischen Spezialitäten fehle. Kein Wunder also, dass Wittlich vor allem zur Säubrennerkirmes und beim Bernkastel-Kueser Weinfestausgebucht ist.
Und was lässt sich die Stadt den Tourismus kosten? 27 800 Euro für die Mitgliedschaft in Tourismusverbänden, und 36 600 Euro beispielsweise für die Unterhaltung von Wanderwegen. Ergibt knapp 65 000 Euro. Die Ausgaben der Moseleifel Touristik von 70 000 Euro bezuschussen Stadt und VG zu etwa je einem Drittel.
Doch auch für dieses Geld kann sich Wittlich nicht das Alleinstellungsmerkmal kaufen, das ihm - die Säubrennerkirmes ausgeschlossen - aus Sicht Mathars fehlt. "Die Magnetkraft von Trier und Bernkastel-Kues zieht hier alle Touristen raus. Wer ,Mosel\' hört, will auch ,Mosel\' sehen", sagt Rinkel. "Tja, Trier hat eben die Porta Nigra, und Wittlich hat das Türmchen".Meinung: Pro
Ganz oder gar nicht
Von Ursula Quickert
In den Tourismus zu investieren, lohnt. Davon profitieren nicht nur die Gastronomen und Einzelhändler, sondern auch die Einwohner einer Stadt, einer Region. Auch sie verbringen die Wochenenden auf den Wanderwegen und in den Cafés, auch sie freuen sich darüber, wenn ihre Stadt gepflegt ist und deren Geschichte aufgearbeitet wird. Das macht die Stadt auch für Neubürger attraktiv. Nicht zuletzt hat Wittlich mehr zu bieten, als manche glauben - auch wegen seiner Lage, die ideal für Tagesausflüge nach Trier, Koblenz, an die Maare und die Mosel ist. Ein nur halbherziges Engagement für den Tourismus allerdings bringt wenig. Ganz oder gar nicht. u.quickert@volksfreund.de
Meinung: Contra
Auf Stärken besinnen
Von Harald Jansen
Im Vergleich mit Städten ähnlicher Größe zeichnet sich Wittlich durch fünf Dinge aus: Arbeitsstellen, Jobs, Beschäftigung, Verkehrserschließung und Einkaufsmöglichkeiten. Tourismus gehört nicht zu den Gebieten, mit denen die Stadt punkten kann. Das können die Bernkastel-Kueser oder Cochemer besser. Es fehlt in der Stadt einfach an Sehenswürdigkeiten, damit viele Gäste länger als einen halben Tag bleiben. O.K. Es gibt den Marktplatz und das Burgtürmchen. Und sonst? Nahezu Fehlanzeige. Angesichts dieser Ausgangslage sollten die Verantwortlichen lieber Geld sparen, anstatt es für Wohnmobil-Stellplätze oder aufwendige Beschilderungssysteme auszugeben. h.jansen@volksfreund.de
Extra
Die Stadt Wittlich zahlt jährlich 20 500 Euro an die Moseleifeltouristik, 7000 Euro an die Mosellandtouristik und 300 Euro an den Tourismus-Heilbäderverband. Außerdem sind im Haushaltsplan 2011 als laufende Kosten eingeplant: 10 000 Euro für die Unterhaltung der Wanderwege, 2600 Euro für Unterhaltung und Marketing der Eifelsteig-Erlebnisschleife, 500 Euro für Wegemarkierungsarbeiten, 5000 Euro für Messebeteiligungen und Werbung sowie 18 500 Euro Personalkosten. uq