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In Burgen treffen sich zum 200. Mal Gläubige, um das Abendlied zu singen

Pandemie : Zum 200. Mal: Burgener besingen jeden Abend den Mond

In Burgen treffen sich zum 200. Mal Gläubige, um vor der evangelischen Kirche gemeinsam das Abendlied anzustimmen. Volksfreund.de erklärt, wieso sie das tun.

Im Moselort Burgen vollzieht sich seit dem 23. März täglich ein Ritual, das für einige Bürger nicht mehr wegzudenken ist: Kurz vor halb acht schließt Ellen Singer die evangelische Kirche auf und öffnet die Fenster. Pünktlich um 19.30 Uhr beginnen dann die Kirchenglocken zu läuten. Sobald diese verstummt sind, spielt Singer an der Orgel das Abendlied, verfasst von Matthias Claudius.

Zu diesem Zeitpunkt haben sich bereits mehrere Menschen vor der Kirche eingefunden. Gemeinsam singen sie drei Strophen des Stückes, „immer die erste und die letzte, aber auch Strophen dazwischen“, sagt Georg Singer, Ehemann der Küsterin und ehemaliger Pfarrer in Burgen. Mal stimmen die beiden alleine „Der Mond ist aufgegangen“ an, mal kommen bis zu 20 Männer, Frauen und Kinder dazu, die den Weg zur Kirche finden oder von der Straße und den umliegenden Balkonen aus der Entfernung teilnehmen. „Wir singen fürs Dorf, fürs Land, damit wir die Pandemie gut überstehen“, sagt Ellen Singer. Warum gerade das Abendlied? Es passe in vielen Dingen gut zur derzeitigen Situation sagen die Beiden.

Mit diesem Ritual habe man eine Anregung von Margot Käßmann, der ehemaligen Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche in Deutschland, aufgenommen, sagt Georg Singer. „Zu Beginn der Corona-Pandemie sagte sie, dass die Glocken täglich läuten sollen.“ Zudem habe sie dazu geraten, dass die Menschen singen sollten. Und das passiert in Burgen jetzt täglich unter coronagerechten Vorgaben, also mit ausreichend Abstand zwischen den Akteuren.

Unter den 15 Teilnehmern, die sich an diesem Abend vor der Kirche aufstellen, befinden sich auch drei Polinnen, die derzeit bei der Weinlese helfen. „Wir sind Christen, wir müssen beten“, sagt eine von ihnen.

Eine Burgenerin, die namentlich nicht genannt werden möchte, sagt das Ritual gefalle ihr gut. „Es ist wie ein Abschluss des Tages, wie eine Abend-Andacht.“ „Wenn wir nichts mehr machen würden, würde mir etwas fehlen“, sagt Sigrid Auler, Mitglied des Presbyteriums.

„Während der Corona-Pandemie war es lange Zeit der einzige feste Termin am Tag“, sagt Georg Singer. „Jeden Abend eine christliche Begegnung soll ein Zeichen der Hoffnung sein“, sagt Thomas Berke, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Veldenz. Das Glockengeläut mit dem anschließenden Gesang sei für die Zeit ohne Gottesdienst gedacht gewesen, sagt er.

Nun feiern die Burgener ein Jubiläum: Am heutigen Donnerstag, 8. Oktober, treffen sie sich zum 200. Mal, um nach dem langen Sommer wieder gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen – mittlerweile allerdings im Dunklen.