In Kesten bleibt Napoleon eine Nacht

In Kesten bleibt Napoleon eine Nacht

Im kleinen Moselort Kesten soll ein ganz Großer der Weltgeschichte vor 200 Jahren übernachtet haben. Der französische Kaiser Napoleon fand Unterkunft im Haus Willer. Franz-Josef Jüngling, von 1982 bis 1996 Vorsitzender des Heimat- und Kulturvereins Kesten, hat sich mit dieser Episode befasst.

Kesten. Am Turm der Kestener Pfarrkirche ist die Jahreszahl 1813 angebracht. Sie erinnert an ein besonderes Ereignis in dem kleinen, beschaulichen Weinort, erzählt Franz-Josef Jüngling. Napoleon, im Russland-Feldzug vernichtend geschlagen, übernachtete bei seinem Rückzug nach Frankreich im Frühjahr 1813 - das genaue Datum ist nicht bekannt - in einem Haus, das heute noch existiert.
Bekannt geworden ist das Ereignis durch den Dorfschullehrer Josef Knoop, der in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Geschichten von Kesten sammelte und mit den Kestener Schulkindern eine Dorfchronik erstellte.
Die Geschichte über Napoleons Aufenthalt in Kesten erzählte dem Dorfschullehrer Johann Görres, 1880 in Kesten geboren und 1956 gestorben. Görres wiederum kannte Heinrich Kyllburg, der mit 96 Jahren im Jahr 1901 verstarb. Acht Jahre war Kyllburg alt, als Napoleon mit seinem Tross Kesten beehrte.
Dorf Geschichte


Die Erinnerungen von Heinrich Kyllburg, wie er als kleiner Junge das Befreiungsjahr 1813 erlebte, lesen sich in der Dorfchronik wie folgt:
"Französische Soldaten jagen in Brauneberg durch die Mosel und dann nach Kesten. Das Haus Willer, damals Wirtschaft, wurde beschlagnahmt. Von Reitern begleitet, folgte eine Kutsche mit dem Kaiser der Franzosen. Ein Lauffeuer ging durch Kesten: Der allmächtige Napoleon in unserem Ort. Ich lief auch zur Wirtschaft und krabbelte zwischen den Beinen der Leute zur ersten Reihe. Die Tür geht auf, das Herz schlägt mir bis zum Hals. Dann erscheint der Kaiser. Diesen Augenblick werde ich nie vergessen. Ein Bernkasteler Barbier hat Napoleon die Haare geschnitten, ein Stückchen seiner Locke verschwand in seiner Tasche.
Napoleon jagt ihn ohne Lohn zum Teufel. Am anderen Morgen geht die Flucht weiter. An der Napoleonseiche, nicht weit von Monzel, machte Napoleon nach dem Aufstieg Rast. Der Weg heißt heute noch Napoleonsweg, der parallel laufende Russenweg - die Napoleon bald verfolgten."
Weiter steht zu lesen: "Der Kaiser der Franzosen war für unser Dorf von größter Wichtigkeit. Durch Napoleon kamen die Leute zu Eigentum, wurden Besitzer von Weinbergen und Ländereien, in denen sie bis jetzt nur als Knechte der Grundherren gearbeitet hatten. Darum waren die Moselaner erst mit Napoleon zufrieden." Am 27. und 28. April 2013 feiert nun die Pfarrgemeinde Kesten das Jubiläum, verbunden mit einer Wanderung um und in Kesten. Eine Wanderung führt durch die ehemalige "Grangie" der Zisterzienser von Himmerod.
Der Himmeroder Hof in Kesten entwickelte sich nach der Gründung rasch zur Grangie (Vorratshaus). Es ist ein Klosterhof mit kulturellen, wirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Aufgaben. Geleitet wurde die Grangie von Laienbrüdern, die schreiben und rechnen konnten. Sie unterstanden direkt dem Abt, der keine direkten Geldgeschäfte tätigen durfte.
Mit dem Gewinn der Grangie wurden Kirchen gebaut, Klöster unterhalten, Neugründungen finanziert. In der Blütezeit hatte Kesten etwa 800 Einwohner. Die Bürger waren zum Beispiel selbstständige Handwerker verschiedener Art: Schiffer, Winzer, Bergleute, Blaufärber, Kalkbrenner.
Die Zisterzienser-Nonnen von Machern unterhielten in Kesten ein Krankenhaus und eine Mädchenschule. Die Schwestern von Machern hatten das Patronatsrecht über die Pfarrkirche "St. Georg", der ersten im damals neuen Moselbarock erbauten Kirche. Sie wurde 1753 eingeweiht.