Interessenten verzweifelt gesucht

WITTLICH/BITBURG. Neue Firmen, neue Jobs, neue Perspektiven: Das erhofften sich die Gemeinden zwischen Wittlich und Bitburg von der Eifelautobahn A 60. Der erwartete Aufschwung allerdings ist – abgesehen vom Flughafen Bitburg – bisher ausgeblieben.

Mit der Fertigstellung der A 60 zwischen Bitburg und Wittlich waren hohe Erwartungen verbunden. Ende der 90er-Jahre begannen die Orte längs der Strecke mit der Erschließung riesiger Gewerbeflächen – zwischen den Anschlussstellen 6 (Fließem) und 9 (Landscheid) sind es rund 60 Hektar unmittelbar entlang der Autobahn. Bis zum heutigen Tag sind davon nur etwa 15 Prozent verkauft. Die große Hoffnung auf ein großes Jobwunder ist längst verpufft. Auf den prophezeiten Boom warten die Eifelgemeinden noch heute. Der TV hat die Gewerbegebiete besucht: LandscheidAnschlussstelle 9, erste Ausfahrt: Landscheid. Das Gewerbegebiet "Landscheid II" liegt direkt neben der Strecke. "Wir haben das Filetstück unmittelbar an der A 60", heißt der Satz, den Bürgermeister Egon Birresborn immer wieder ausspricht. Engagiert erläutert er die Standortvorteile und verweist auf den neuesten Prospekt. Der Ort sei "einer der wenigen Standorte mit sehr guter Zukunftsprognose", ist darin zu lesen. Dass die Prognose vermutlich von ihm selbst stammt, steht dort nicht. Birresborn ist noch immer stolz auf sein Gewerbegebiet. Beim Erzählen gerät er ins Schwärmen, aber die innerlich wachsende Verzweiflung kann er nicht verbergen. Nur 7000 der 52 459 Quadratmeter konnten verkauft werden. Ein einziger Betrieb hat sich für den Umzug ins neue Gewerbegebiet entschieden. Dass dieser seine Anlage noch in diesem Jahr um zwei Hallen und eine Waschstraße erweitern will, ist die einzige frohe Botschaft des Ortsbürgermeisters. Mit Volker Kootz hatte er bereits einen weiteren dicken Fisch am Haken. Kootz suchte als Vermittler geeignete Standorte für Betreiber von Tankstellen und Autohöfen. In "Landscheid II" schien ihm sein Platz so gut wie sicher. Er war begeistert, und die Verhandlungen liefen erfolgreich – bis die Banken den Deal kurz vor Abschluss platzen ließen. Grund: der Tanktourismus. "Alles Blödsinn", findet Birresborn. Die Fahrt nach Luxemburg sei doch "schon lange nicht mehr rentabel". Spangdahlem

Über die A 60 geht es weiter Richtung Westen: Nach 7,5 Kilometern ist Spangdahlem erreicht, Anschlussstelle 8. Die etwa 900 Einwohner starke Gemeinde ist in Sachen "Gewerbegebiet" Nachzügler. Erst 2001 kam das Thema auf die Tagesordnung. Trotz der miserablen Situation im benachbarten Landscheid laufen die Planungen mittlerweile auf vollen Touren. Der Bebauungsplan für das ausgewählte 4,1 Hektar große Gebiet am östlichen Ortsrand liegt bereits vor. "Geplant sind drei bis vier Bauabschnitte", erklärt Beigeordneter Rainer Fögen. "Die ungünstige Situation in Landscheid ist uns bekannt, doch mit der Air-Base haben wir ganz andere Voraussetzungen", sagt Fögen weiter. Die Hoffnungen ruhen auf den 6000 Angehörigen der US-Streitkräfte, die rund um Spangdahlem in der Verbandsgemeinde Speicher leben. Im nächsten Jahr soll der Bau des Gewerbegebiets mit dem Namen "Umgehungsstraße" beginnen. Zweifelsohne herrschen hier günstigere Bedingungen, dass aber das Konzept Erfolg haben wird, kann und will heute keiner garantieren.Badem

Fährt man weiter Richtung belgische Staatsgrenze, erreicht man Badem, Anschlussstelle 7. Hier ist mit dem "Industrie- und Gewerbezentrum (IGZ)" vorgesorgt. 3,4 der bisher verfügbaren 6,5 Hektar (erster Bauabschnitt) konnten verkauft werden. Bereits neun Unternehmen haben sich angesiedelt. Fast ein Dutzend neue Arbeitsplätze sind entstanden. Kein Grund zur Zufriedenheit für Bernd Spindler: "Unsere Erwartungen waren andere", analysiert der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Kyllburg. Insgesamt ist auf dem mehr als 20 Hektar großen Areal noch reichlich Platz. Auch hier herrscht Enttäuschung. "Uns war klar, dass wir ein solch großes Projekt nicht innerhalb weniger Jahre durchbringen können, doch die bisherige Entwicklung ist nicht zufrieden stellend", erzählt der Bürgermeister und nennt ausgemachte Ursachen: "Im Vergleich mit Bitburg (Gewerbe- und Dienstleistungszentrum am Flugplatz, Anm. der Redaktion) haben wir natürlich das Nachsehen. Wir werden abgefischt. Dazu kommt die große regionale Konkurrenz mit all den Gewerbegebieten entlang der neuen Autobahn, die heute wie an der Perlenschnur aufgereiht sind."Die derzeitige Situation müsse verbessert werden, fordert Spindler. Aktuell wird daher über die Zusammenarbeit mit einem professionellen Vermarkter nachgedacht. Der Bürgermeister ist Realist. Einer weiteren Ausbaustufe steht er "mit großer Reserviertheit" gegenüber. Schon seit einem Jahr scheint es nicht mehr voran zu gehen. Neue Investoren sind nicht in Sicht.Fließem Zurück auf der Strecke erreicht man an der Anschlussstelle 6 nach knapp fünf Minuten das nächste Gewerbegebiet, den "Kommunalen Wirtschaftspark A 60" in Fließem. Die Gesamtfläche von mehr als 35 Hektar macht ihn mit Abstand zum größten – 50 Fußballfelder könnten hier problemlos errichtet werden. Im ersten Bauabschnitt wurden zehn Hektar erschlossen. Knapp sechs davon sind verkauft, berichtet Wolfgang Klaas (Verbandsgemeindeverwaltung Bitburg-Land), der mit dem Slogan "Ihr Standort mit Zukunft" wirbt. Klaas ist optimistisch und sieht sich gegenüber den Wettbewerbern aus Badem, Spangdahlem und Landscheid im Vorteil: "In Fließem haben wir nicht nur die Autobahn. Unser großes Plus ist die Lage am Schnittpunkt A 60 – B 51", sagt Klaas. Tatsächlich rollt hier ein immenser Verkehr vorbei. Aktuell befindet sich die Verwaltung in Verhandlungen mit drei weiteren Unternehmen. Da könne es "ruckzuck" zum Abschluss kommen. Die nächste Erweiterung sei schon geplant. Einen großen Schub erwartet Klaas, wenn mit den Arbeiten am zweiten Abschnitt begonnen wird. "Eine Baustelle mit Baggern ist werbewirksamer als ein aufwändiger Vier-Farben-Prospekt", ist er überzeugt. Badem (Fotos oben), Fließem und Landscheid (Fotos unten, von links nach rechts): Wo gähnende Leere herrscht, sollte das Gewerbe florieren. Das jedenfalls hatten
sich die Anliegergemeinden von der Fertigstellung der A 60 erhofft: Doch statt wachsender Betriebe haben sich Ernüchterung und Enttäuschung breit gemacht.Fotos:
Torsten Lauterborn (4)/ TV -Archiv/Friedemann Vetter (1)