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Interview mit dem Geschäftsführer des SFG Bernkastel-Kues

Sport : Kein Durchatmen, trotz Sport im Freien - Wie Vereine unter Corona leiden

Nach mehr als vier Monaten weitgehenden Stillstands ging es am 8. März unter Auflagen wieder mit gemeinsamem Vereinssport los. Dirk Zenzen vom SFG Bernkastel-Kues ärgert sich im Interview über praxisfremde und sich oft ändernde Regeln.

Ein Jahr Corona-Krise zerren an den Nerven aller, auch bei Dirk Zenzen. Zwar konnte der Geschäftsführer des SFG Bernkastel-Kues am 8. März wieder Leichtathleten und Nordic Walker in Kleingruppen trainieren lassen. Das waren allerdings erst rund zehn Prozent des mit rund 2000 Mitgliedern größten Sportvereins im Kreis Bernkastel-Wittlich. Um den Sport in allen Facetten zu erhalten, appelliert der 45-Jährige an die Politik, aber auch an die Sportverbände, für realitätsnahe Rahmenbedingungen zu sorgen, vor allem für klare Regelungen.

Herr Zenzen, die ersten Gruppen trainieren beim SFG Bernkastel-Kues wieder. Wie waren die Reaktionen auf die Nachricht, dass es wieder losgeht?

Dirk Zenzen: Wir haben die E-Mails für unsere Leichtathletik-Abteilung abgeschickt und in kürzester Zeit kamen etwa 30, 40 zurück. Die Kinder und Eltern haben sich durch die Bank riesig gefreut, dass wieder Training stattfindet. Natürlich muss man das Wetter bedenken. Wenn Regen gemeldet ist und es ist kalt, dann müssen wir das Training eben absagen, weil wir noch nicht in die Halle ausweichen dürfen.

Sind die Lockerungen eine wirkliche Perspektive für einen Sportverein wie den SFG?

Zenzen: Es macht Hoffnung auf bessere Zeiten. Man muss dankbar dafür sein, dass der Sport insgesamt endlich berücksichtigt wurde. Es ist eine Erleichterung, dass Sport zumindest wieder im Freien möglich ist. Aber kaum haben wir uns gefreut, Kinder, Jugendliche und Senioren wieder zu bewegen, da kam der große Rückschlag: Von der Kreisverwaltung haben wir die Auflage, dass wir den kompletten Sportplatz nur noch mit einer Gruppe von zehn Personen nutzen dürfen. Auf rund 12 000 Quadratmetern unter freiem Himmel! Mit gesundem Menschenverstand kann man nicht erklären, dass im Vergleich im Einzelhandel 40 Quadratmeter pro Person im Innenbereichen gilt und im Sport keine 300 Quadratmeter pro Person im Freien erlaubt sind. Das kann man nicht mehr als Ärgernis bezeichnen, sondern es ist eine große Ungerechtigkeit und eine Frechheit. Also durchatmen können wir wirklich noch nicht. Dabei werden die nächsten drei bis vier Monate für uns als Großsportverein besonders wichtig. (Anmerkung: Einige Tage, nachdem wir das Interview mit Dirk Zenzen geführt hatten, teilte die Kreisverwaltung dem SFG mit, dass wieder mit drei getrennten Gruppen auf dem Sportplatz trainiert werden kann.)

Wie wichtig wäre es Sport auch wieder in Innenräumen zu treiben?

Zenzen: Enorm! Man muss es realistisch sehen: Bei vier bis sechs Grad Außentemperatur ist Training draußen für manche Gruppe im Seniorensport oder bei Kleinkindern gar nicht möglich. Deshalb müssen wir so schnell es geht in den Indoor-Bereich. Wir haben schon beim ersten Lockdown alle Maßnahmen ergriffen, um die Regeln einzuhalten.

Gibt es denn keine Alternativen für die Sportgruppen, die normalerweise in Innenräumen trainieren?

Zenzen: Bedingt. Wir versuchen so oft wie möglich unseren Außenplatz zu nutzen. Wir werden jetzt zwei Zelte aufbauen, damit wir bei Nieselregen beziehungsweise starker Sonneneinstrahlung unsere Gruppenstunden aus dem Reha- und Seniorensport auf unserem Grundstück durchführen können. Aber das ist kein wirklicher Ersatz für Training in der Halle oder im Fitnessstudio.

Sind Online-Kurse nicht eine Möglichkeit Sport anzubieten?

Zenzen: Wir haben in den letzten Monaten 20 Online-Kurse installiert. Und wir werden, wenn auch wieder Training in Innenräumen möglich ist, dieses Angebot je nach Bedarf parallel weiterlaufen lassen. Das heißt, unsere Mitglieder können sich aussuchen, ob sie in die Halle kommen oder weiter online dabei sind. So wollen wir uns Richtung Sommer hangeln. Man läuft bei Online-Kursen jedoch etwas Gefahr, die positiven Aspekte des Vereinslebens zu verlieren. Es ist ganz wichtig in der Gruppe zu trainieren und sich mit anderen Leuten auszutauschen, das Gesellige zu leben. Online-Kurse sind gut als Alternative und für den Übergang. Aber es ist besser, wenn ein Trainer Face-to-Face alles erklären kann. Und: Wir haben unsere Mitglieder ab 65 mit Online-Kursen kaum erreicht. Alle wurden angeschrieben, aber man merkt an den Teilnehmerlisten, dass sich diese Altersklasse mit dem Medium nicht wohlfühlt. Das ist sehr schade, weil gerade die ihre Fitness brauchen. Wir haben nach dem ersten Lockdown gemerkt, dass die Teilnehmer in den Trainingsgruppen quasi wieder bei Null anfangen.

Während der Corona-Zeit gab es bis Ende des vergangenen Jahres beim SFG 280 Vereinsaustritte. Können Sie dem entgegenwirken?

Zenzen: Zu Beginn der Pandemie gab es eine Flut von Austritten. Die konnten wir stoppen, auch weil wir nur noch den Grundbeitrag eingezogen haben. Jetzt ist die Frage, wie viele Leute wir wieder aktiviert bekommen. Das wird ein riesen Thema für jeden Sportverein. Da nehme ich auch die Verbände in die Pflicht, dass sie mit der Politik eine Regelung finden, damit wir nicht Gefahr laufen, dass wir immer wieder ein Auf und Zu, Auf und Zu haben. Dann werden die Mitglieder womöglich auch träge und überlegen sich, ob das noch Sinn macht für sie. Es müssen klare Regeln gefunden werden.

Zum Beispiel, dass bei steigenden Inzidenzen nur noch mit negativem Schnelltest an einem Training teilgenommen werden kann?

Zenzen: Wenn man einen negativen Schnelltest vorweisen muss, um abends ins Training gehen zu können, dann wird es für Sportvereine schwer. Wir werden keinen Schnell- oder Selbsttest für jedes Mitglied anbieten können, der vier oder fünf Euro kostet. Wenn wir wieder zu machen müssen, weil die finanziellen Mittel für solche Tests nicht vom Gesetzgeber beziehungsweise von den Sportverbänden subventioniert werden, wäre das sehr traurig und würde das Verständnis und das Vertrauen in die Politik und die Verbände weiter sinken lassen.