Ironische Seitenhiebe auf die Moral

Mit ungebremster Spielfreude ließen die gehandicapten Schauspieler der Hamburger Schauspielgruppe "Meine Damen und Herren" Wilhelm Buschs weltbekannte Figuren in Bernkastel-Kues wieder lebendig werden.

Tragisch kann die Liebe enden, muss sie aber nicht. Aber egal wie sie sich entwickelt, Alkohol kann nie ein Trost sein. Dies interpretierten die Schauspieler der Hamburger Theatergruppe „Meine Damen und Herren“ eindrucksvoll bei ihrer Aufführung im Hotel Burg Landshut in Bernkastel-Kues. TV-Foto: Claudia Müller

Bernkastel-Kues. (mü) Wer kennt nicht die Geschichten von Max und Moritz, der Witwe Bolte, Schneider Böck, Onkel und Tante Nolte oder der ach so frommen Helene? Allesamt stammen sie aus der Feder von Wilhelm Busch, dessen Todestag in diesem Jahr 100 Jahre zurückliegt. Seine satirisch-komischen Bildergeschichten sind jedoch sehr lebendig und wurden von der Theatergruppe "Meine Damen und Herren" in ihrem Stück "Dideldum" eindrucksvoll interpretiert.

In farbenfrohen Gewändern spielten sich die Darsteller mit Handicap unter Leitung des Sozialpädagogen mit langjähriger Theatererfahrung, Thomas Cold, in die Herzen der Zuschauer im Hotel Burg Landshut.

Die Darsteller mit geistiger Behinderung unterschiedlicher Art setzten mit Spielfreude Wilhelm Buschs Bildergeschichten mit einem ironischem Seitenhieb auf das bürgerliche Leben und die Moral in Szene. Dabei agierten sie professionell mit stimmiger Mimik, Gestik und Rhetorik. Präzise rezitierte Michael Schumacher, der im Kinofilm "Finnischer Tango" eine Hauptrolle spielt, bekannte Reime aus Wilhelm Buschs Feder.

Das Schauspiel der Theatergruppe "Meine Damen und Herren" ist keine Freizeitbeschäftigung, sondern ihr Beruf. Die Künstler-Arbeitsplätze sind sozial abgesichert. Die Produktion muss sich im freien Markt behaupten können. "Wir tun es auch für Geld", erklärt Thomas Cold den Hintergrund der Gruppe, deren Ziel es ist, so professionell wie möglich zu spielen und das normal-durchschnittliche Publikum zu erreichen. Leider hatten die Aufführungen in Wittlich und in Bernkastel-Kues jeweils nur rund 50 Zuschauer, obwohl sie mehr Besucher verdient hätten.

Dies findet auch Anita Reichert aus Hirzlei. "Das ist eine Wahnsinnsleistung", lobt sie und bedauert zugleich: "Jetzt haben wir mal so große Kunst hier, ich kann nicht verstehen, dass nicht mehr Zuschauer hier sind." Anita Reichert engagiert sich im Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK). "Man muss auch mal den Mut haben, so was zu gucken", sagt sie und erzählt von unnötigen Berührungsängsten.

Das ungebremste Drauflosspielen begeisterte das Publikum, begleitet wurden die Darsteller von einem Musikensemble. Schräg, schrill und laut ist die Musik mit Akkordeon, singender Säge, Stimme und Standschlagwerk. Angelehnt ist sie an die Moritatenform der Geschichten Buschs und kommentiert das wilde sarkastische Bühnenspiel. Mit ihrer durchdringenden Stimme eroberte die Musikerin Palma Kunkel den Saal oder hauchte dem Witwe-Bolte-Huhn Leben ein.

Es war ein Theaterabend der besonderen Art, dank der unbedingten Lust auf die Bühne zu gehen und präsent zu sein, berührend und faszinierend zugleich.