Jede Menge Rotwein und verschwundene Särge
Greimerath · Martin Gesthuisen aus Greimerath kennt viele Geschichten rund um den Bau der Autobahn A 1 bei Wittlich. Er war in den 60er und 70er Jahren als Vermessungsingenieur beteiligt.
Greimerath. 87 Jahre ist er alt, körperlich wie geistig jung geblieben. Martin Gesthuisen aus Greimerath war Mitarbeiter der Straßenneubauabteilung Wittlich bei der Planung der A 1 in der Zeit um 1970. Bereits in den Vorkriegsjahren war die Trasse betoniert worden, aber der Bau wurde kriegsbedingt unterbrochen. Die Betonflächen wurden später herausgerissen. Bei Greimerath gab es ein Munitionslager der französischen Armee. Dort hindurch sollte die A 1 führen. Um die neue Trasse zu planen, musste Gesthuisen die barackenähnlichen Gebäude des Munitionslagers vermessen. Er erzählt: "Meine vier Mitarbeiter und ich bekamen von der Militärverwaltung einen Passierschein, um das Muni-Lager zu betreten. In den Baracken waren viele schwarze Afrikaner einquartiert. Am ersten Tag hatte ein schwarzer Soldat die Aufgabe, unser Tun zu überwachen. Anfangs war der Mann sehr skeptisch. Nach drei Tagen kamen wir uns näher." Der Ingenieur brachte einen Klappstuhl mit und sagte zu dem Mann: "Setz dich dahin!" Mit dem Gewehr zwischen den Beinen, in der Hand ein Buch, blieb der Wachsoldat den ganzen Tag dort sitzen, auch wenn sich die Straßenplaner außer Sichtweite entfernten. Stadt- Geschichte(n)
Eines Tages brachte der Soldat aus der Lagerkantine eine Flasche französischen Rotwein mit. "Ich gab ihm eine Mark statt der verlangten 50 Pfennige und schmuggelte die Flasche unter meinem Mantel aus dem Lager heraus." So ging das vier Wochen lang jeden Tag. "Der Wein schmeckte mir gut, und der Afrikaner verdiente sich ein Zubrot, auch wenn das vom Militär verboten war, erinnert sich Gesthuisen. Im Wittlicher Tal wurde die ursprüngliche Führung der Autobahntrasse umgeplant, weil der Sterenbachsee in Planung war. Die Autobahn sollte Abstand vom Stausee haben. Überhaupt wurden viele in den 30er Jahren geschlagene Schneisen den Grünewald hinunter entsprechend neuester Straßenbautechnik geändert. In den 30er Jahren war es üblich, eine möglichst gerade Streckenführung anzulegen, um dann in einem halbkreisähnlichen Bogen weiterzugehen. Nach 1950 hieß es, dass die Autofahrer durch lange Geraden unaufmerksam werden. Daher wurde die A 1 nur selten in geraden Strecken geplant. Es entstanden langgezogene Bogen statt abrupter Kurven. "Als die Trasse in Wittlich angelangt war, dort, wo die Reste der römischen Villa stehen, hat sich in den 70er Jahren keiner darüber beschwert, dass die Autobahn über die Villa gebaut wurde", berichtet Gesthuisen. "Nicht einmal um die drei Steinsärge, die von einer archäologischen Ausgrabung noch im Gelände lagen, kümmerte sich jemand. Eines Tages waren die verschwunden." Als die A 1 Mitte der 70er Jahre fertiggestellt war, gab es ein großes Fest im Mundwald bei Wittlich in der Nähe der Autobahn, zu dem alle Beteiligten eingeladen wurden. Das Ergebnis von Gest huisens Arbeit und der seiner Kollegen wird seither Tag für Tag von Abertausenden Autofahrern genutzt.