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Jedes Jahr verkleidet sich Kornelius Schäfer aus wallscheid als Nikolaus.

Tradition : Im Haus des heiligen Mannes

Jedes Jahr verkleidet sich Kornelius Schäfer als Nikolaus. Es geht ihm aber um mehr, als nur Geschenke zu verteilen.

Einige Tage vor dem Nikolausabend hat Kornelius Schäfer schon alles vorbereitet. Er steht mitten im Türrahmen in seinem Haus in Wallscheid und hält einen hellen Beutel hoch, einen Jutesack, Nikolausmotiv. „Da kommen die Geschenke für die Kinder hinein“, erklärt er. Im Kamin knistert ein leises Feuer.

Auf dem Esszimmertisch steht eine Kiste. Sie trägt die Erinnerungen vergangener Nikolaustage: Ausgedruckte Mails der Eltern, die ihm Lob und Tadel ihrer Kinder aufschrieben. Dazwischen gemalte Bilder der Kinder, die er besuchte. Ein Dank an den Nikolaus. Alles aufbewahrt.

Seit mehr als zehn Jahren streift Kornelius Schäfer am Nikolausabend die rote Bischofsmütze über. Er sagt, früher habe es mehr Kinder gegeben. Früher, da waren in Wallscheid 30 bis 40 Häuser und in jedem wohnten Kinder. Früher, sagt er, da lief Weihnachten ein Christkind durch das Dorf. „Das gibt es seit 30 Jahren nicht mehr. Aber den Nikolaus, den gab es früher, und den soll es auch weiterhin geben.“

Und dann sind da großen Augen der Kinder. Jedes Jahr. Er kenne ja die meisten von ihnen, sagt er: „Wer sonst eine große Klappe hat, ist auf einmal ganz kusch.“ Aber andere Kinder diskutierten auch mal mit ihm, wenn sie mit dem vorgetragenen Tadel nicht zufrieden sind. „Ich habe im vorigen Jahr ein junges Mädchen besucht, dem ich gesagt habe: ‚Kannst du mir versprechen, dass das nächstes Jahr besser wird mit dir?’“ Auf gar keinen Fall, habe sie gesagt. „Da musst du als Nikolaus schon aufpassen, dass dir der Bart nicht herunterfällt, weil du mitlachen musst“, sagt Schäfer.

Er greift in die Kiste und holt einen kleinen blauen Stoffbeutel hervor. Langsam schnürt er die rote Kordel auf: „Manche Eltern sagen ihren Kindern, sie sind jetzt alt genug, um ihre Schnuller dem Nikolaus mitzugeben.“ Auch die hat er aufbewahrt: rosane, türkise, blaue.

Vor vielen Jahren lernte Kornelius Schäfer Metzger. Der Beruf habe sich immer weiter industrialisiert. Die Aussichten seien düster gewesen. So wechselte er als Einkäufer in ein Büro. Für Firmen kaufte er Glas, Schrauben, Beschläge, Holz und Kitt.

Eines Tages hat ihn ein Junge wiedererkannt. Schäfer lacht, wenn er daran denkt. Es war der Sohn eines Arbeitskollegen, der mit seiner Mutter den Vater im Büro besucht hatte. Kornelius Schäfer war auch da. Später habe der Junge zu Hause gesagt: „Ich glaube, der Nikolaus war heute bei Papa.“

Als Kornelius Schäfer selbst ein Kind war, gab es zu Nikolaus keine Geschenke. Er sagt, die Familie habe in bescheidenen Verhältnissen gelebt. Sie waren neun Geschwister. In einem Zimmer standen zwei Betten, statt auf Matratzen schliefen sie auf Strohsäcken. Der Vater habe ein Feld gehabt, wo er Getreide anbaute. Das verkauften sie an den Bäcker, der gab ihnen Brotmarken. Der Nikolaustag, das ist auch ein Tag der Besinnung, des Zurückblickens, auf ein Jahr, auf ein Leben.

„Es ist mir wichtig, dass es den Kindern gut geht.“ Er achte darauf, dass er nicht einfach als Nikolaus bestellt wird, weil es gerade in Mode sei. Es gehe ihm darum, eine alte Tradition weiterzuführen.   

Doch dieses Jahr wird es anders. Es wird keinen direkten Kontakt geben. Bei einigen Familien wird er nur draußen schellen, Geschenke und einen Brief ablegen und weiterziehen.

In dem Kamin ist die Flamme mittlerweile schwach geworden. Kornelius Schäfer steht auf und legt ein Stück Holz nach. Es knistert laut. „Man muss sich für die Gesellschaft engagieren“, sagt er. „Ich kann nicht nur auf die Straße gehen und schreien, dass es besser werden soll.“ Er schließt die Kamintür. Das Feuer wächst, im Raum wird es warm.