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Jüdische Grabsteine fielen in Thalfang dem Straßenbau zum Opfer

Geschichte : Jüdische Grabsteine fielen Straßenbau zum Opfer

TV-Serie über jüdische Friedhöfe im Kreis: Als 1938 die Hunsrückhöhenstraße gebaut wurde, wurden etliche Grabsteine in der Straße verbaut. Heute gibt es noch sieben Ruhestätten jüdischer Mitbürger auf dem Gelände in Thalfang.

„Das Wort Antisemitismus kannte man in Thalfang nicht“, sagte der 1914 geborene Erich Marx, der mit seinen Eltern 1925 aus wirtschaftlichen Gründen aus dem Ort in die USA ausgewandert ist. Elmar P. Ittenbach, Sprecher des Arbeitskreises jüdisches Leben und Verfasser des Buchs „Jüdisches Leben in Thalfang“, erklärt dazu: „Das Zusammenleben zwischen Juden und Christen wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als sehr positiv geschildert. In den damaligen Zeitungen hieß es sogar, dass man sich ein Beispiel an Thalfang nehmen dürfe.“

Die jüdischen Gemeindemitglieder waren in Vereinen und bei der Feuerwehr aktiv. Im Jahr 1845 waren 20 Prozent der 500 Einwohner jüdischen Glaubens. Es gab eine Synagoge und eine Schule, die im selben Gebäude untergebracht waren. In den 1950er Jahren wurde es abgerissen, weil es baufällig war. Eine Gedenktafel erinnert seit 2009 die ehemalige Synagoge.

Der jüdische Friedhof in Thalfang ist 300 Jahre alt. Auf einer Flurkarte von 1730 ist eine lange, schmale Parzelle am Weg von Immert nach Thalfang als jüdischer Begräbnisplatz markiert. Vorher war hier ein „herrschaftlicher Garten“ der Wild- und Rheingrafen. Beim Bau der Hunsrückhöhenstraße im Jahr 1938 plante man bei Thalfang eine Ortsumgehung. Teilweise führte sie durch den jüdischen Friedhof, der dabei weitestgehend zerstört wurde. Elmar Ittenbach berichtet: „Ein Lehrling soll angestiftet worden sein, die Grabmäler umzustoßen. Als das bei der Bevölkerung Unmut hervorrief, musste er sie am nächsten Tag wieder aufstellen, so gut es ging.“ Berichten von Zeitzeugen zufolge dienten die Grabsteine beim Straßenbau als Packlage oder zur Randbefestigung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Übernahme des Friedhofs durch die Zivilgemeinde als unrechtmäßig erklärt, und die jüdische Kultusgemeinde Trier kam in den Besitz des deutlich kleineren Geländes. Heute ist er noch 1662 Quadratmeter groß und teilweise von einer Buchenhecke umgeben. Ruhig ist es nicht, denn der Straßenlärm ist deutlich hörbar, aber die verbliebenen sieben Grabsteine strahlen auf dem Gelände trotzdem eine erhabene Atmosphäre aus. Ob die Steine an ihren ursprünglichen Stellen stehen, ist nicht bekannt, denn es gibt keine Unterlagen oder Fotos.

Besonders imposant ist das Grabmal von Abraham Schneider, der wohl zu den wohlhabendsten Bürgern des Ortes gehörte. Der Grabstein von Malchen Bonem, geborene Kaufmann, ist deshalb interessant, weil ein Teil wohl abgebrochen war und man über viele Jahrzehnte dachte, dass es zwei Grabsteine seien – bis nachgewiesen werden konnte, dass es ein Stein ist. Seit 2016 ist er wieder vollständig.

Neben dem Arbeitskreis jüdisches Leben, dem 25 Bürger angehören, engagiert sich die Realschule plus in der Gedenkarbeit. Für dieses Jahr ist beispielsweise eine Putzaktion der 21 Stolpersteine, die in Thalfang verlegt sind, geplant. Es gibt Vorträge, Führungen durch das jüdische Thalfang, Gedenkveranstaltungen und Literatur von Pfarrer Winfrid Krause, der in einem Gemeindebrief 1988 einen Artikel, und 1995 ein Buch mit Hilde Weirich veröffentlicht hat.

Kontakte gibt es noch zu dem Ur- und Ururenkel von Samuel Hirsch, der 1815 in Thalfang geboren wurde. Nach dem jüdischen Denker und Reformrabbiner ist auch ein Platz mit einem Obelisken aus Edelstahl im Ort benannt (wir berichteten mehrfach).

Die Thalfanger Juden sind hauptsächlich nach Amerika ausgewandert, aber auch nach Israel und Shanghai, von wo aus sie  in die USA wollten.

21 jüdische Menschen aus Thalfang sind in Konzentrationslagern umgekommen, sechs wurden 1941 nach Litzmannstadt gebracht.