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Jüdische Zeitzeugin berichtet über den Holocaust

Jüdische Zeitzeugin berichtet über den Holocaust

Geschichte hautnah erleben: Das konnten die Schüler der 7. und 8. Klassen der Friedrich-Spee-Realschule in Neumagen-Dhron. Die Jüdin Frau Henriette Kretz, geboren 1934 und nur knapp dem Tod im Konzentrationslager entgangen, schilderte den Jungen und Mädchen ihre Familiengeschichte.

Neumagen-Dhron. Henriette Kretz besucht mit Unterstützung des Maximilian-Kolbe-Werkes Schulen und Universitäten, um über den Holocaust aus eigener Erfahrung zu berichten. Maximilian Kolbe war ein polnischer Priester, der in der NS-Zeit anstelle eines Familienvaters freiwillig in den Tod ging und in dessen Sinne diese Organisation heute noch arbeitet.
Henriette Kretz verbrachte zunächst eine glückliche Kindheit. Während des Krieges behandelte ihr Vater verletzte Soldaten und leitete ein Sanatorium für Tuberkulosekranke. Freunde empfahlen der Familie wegen der Judenverfolgungen zu fliehen, aber der Vater lehnte dies ab. Die einschränkenden Maßnahmen gegenüber den Juden bekam auch die Familie Kretz zu spüren: Der Vater durfte nur noch jüdische Patienten behandeln, das Mädchen durfte nicht mehr zur Schule gehen, die Familie musste ihr Haus verlassen und in ein jüdisches Viertel übersiedeln.
Henriette erlebte mehr und mehr die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung. Sie erzählte, dass viele jüdische Bürger wie Verbrecher aus dem jüdischen Viertel abtransportiert und bei Massenerschießungen hingerichtet wurden. Die Massenerschießungen wurden später durch die Gaskammern ersetzt, da die deutschen Soldaten mit der Erschießung der Juden psychisch oft nicht fertig wurden. Dank der Unterstützung eines ukrainischen Offiziers entging Henriette dem sicheren Tod. Sie wurde bei einer Freundin versteckt, später entdeckt und ins Gefängnis gesteckt. Glücklicherweise kam sie wieder frei und kehrte ins jüdische Ghetto zu ihren Eltern zurück. Das Leben im Ghetto war gekennzeichnet durch großen Hunger. Die Familie überlebte nur, weil Mitbürger sie unter Gefahr für das eigene Leben in einem Kohlenkeller versteckten, wo sie den Winter verbrachten. Im Frühling wechselten sie in ein Versteck auf dem Dachboden. Ein von den Nazis gefangen genommener jüdischer Mitbürger verriet die Familie, Henriettes Eltern wurden erschossen, und ihr blieb nur die Möglichkeit wegzulaufen. In dieser Situation erinnerte sie sich an eine Freundin, eine Ordensfrau in einem Waisenhaus, wo sie aufgenommen und später von einem Bruder ihres Vaters gefunden wurde.
Seit vielen Jahren lebt Henriette Kretz in Antwerpen und engagiert sich für die Maximilian-Kolbe-Stiftung. Zur Veranschaulichung ihrer Ausführungen reichte Frau Kretz eine Fotomappe mit Bildern und Dokumenten ihrer Familie rund, die die Schüler mit großem Interesse studierten.red