Karriere nach verpatzter Premiere

PIESPORT. Auch wenn das erste Mal zum Fiasko wird, steht einer Karriere nichts im Weg: Diese Erfahrung hat der Piesporter Walter Kirsten als Schiedsrichter gemacht.

Vier rote Karten, und der Ehering ist weg. Das erste Fußballspiel, das Walter Kirsten als Schiedsrichter leitete, endete in einem Tumult. Die Partie in Malborn war überhart gewesen. Kirsten musste vier Spieler vom Platz stellen, drei davon aus der Heim-Mannschaft. Den Zuschauern gefiel das gar nicht, nach dem Schlusspfiff stürmten sie auf das Spielfeld und bedrängten den jungen Schiedsrichter. Nur mit Mühe konnte er sich in sein Auto retten. Dort bemerkte er, dass er im Chaos seinen Ehering verloren hatte. Das war zu viel für seine Frau Feli, die ihn bei seinem ersten Spiel begleitet hatte: "Ich fahre nie mehr mit!" Ein Moment, in dem sich Walter Kirsten fragte, ob er weiterhin Schiedsrichter sein wollte. Doch der Ehrgeiz hatte ihn gepackt, er biss auf die Zähne: "Jetzt erst recht!" 1975 leitete er sein erstes Bezirksligaspiel, fünf Jahre später wurde er Linienrichter in der zweiten Liga. 1987 gelang ihm dann der Sprung in die höchste deutsche Spielklasse: Beim Spiel Hamburg gegen Bremen war er zum ersten Mal Schiedsrichter-Assistent in einer Bundesligapartie. Walter Kirsten hatte Karriere gemacht - trotz der verpatzten Premiere. 1985 wurde er außerdem Schiedrichterobmann für den Spielkreis Mosel. Das runde Leder übt noch immer eine große Faszination auf ihn aus: "Fußball ist wie eine Droge!" Für sein Hobby nahm Kirsten einiges in Kauf. "Mit Sicherheit hat auch die Familie darunter gelitten. Annähernd jedes Wochenende war ich unterwegs. Einen Großteil meines Jahresurlaubs habe ich dafür geopfert." Kirsten hat alle Bundesligastadien kennen gelernt. Er ist mit den Fußballstars aufs Spielfeld gelaufen. Er hat Franz Beckenbauer getroffen. An einen Moment erinnert er sich besonders oft: In der Halbzeitpause des DFB-Pokalspiels Stuttgart gegen Bayern München am 9. November 1989 stürmte ein Offizieller in die Schiedsrichterkabine. "Wir müssen die Pause verlängern. Die Mauer in Berlin ist gefallen!" Als Walter Kirsten wieder das Spielfeld betrat, sah er auf den Stadionleinwänden die Bilder aus Berlin. Unvergessene Szenen. "Da war ein Jubel im Stadion! Unbeschreiblich, wie die Zuschauer mitgegangen sind. Der Fußball war Nebensache." Das schlimme erste Mal ist längst vergessen. Für Walter Kirsten überwiegen die schönen Momente, wenn er auf seine Schiedsrichter-Laufbahn zurückblickt. Seine Frau hat ihn trotz des bitteren Starts unterstützt, die beiden sind immer noch glücklich verheiratet. Und den Ehering, den hat er auch wieder bekommen: ausgerechnet von einem jungen Malborner, der mitten in der aufgebrachten Zuschauer-Menge gewesen war. Das erste Mal: Neue Erfahrungen zu machen, bedeutet Aufregung und Abenteuer, Spannung und Emotion. Der TV stellt in einer Serie Menschen vor, die sich auf unbekanntes Terrain gewagt haben und erzählt, wie es ihnen dabei erging.

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