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Kegeljungen waren einst unentbehrlich

Kegeljungen waren einst unentbehrlich

Der Kegelsport hatte einst in Traben-Trarbach Tradition: Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts rollten Kugeln über die Bahnen in Hotels und Gasthäusern. Nach dem Zweiten Weltkrieg reisten Clubs aus ganz Deutschland für einen Kurzurlaub nach Traben-Trarbach, um hier den Wein zu genießen und alle Neune umzuwerfen. Unentbehrlich waren damals Kegeljungen. Helmut Reichert verdiente sich als Zwölfjähriger ab 1952 vier Jahre lang auf diese Weise sein Taschengeld.

Traben-Trarbach. Die wohl älteste Kegelbahn befand sich seit 1839 im Casino,weitere Kugeln rollten im Alumnat ab 1904, im Haus Germania ab 1920, in der Festhalle, im "Gasthaus zur Erholung" und den Hotels Marx und Storck."Hinter der katholischen Kirche oberhalb vom Kautenbach gab es sogar eine Steinkegelbahn", erinnert sich Albert Sonntag (80), der dort in den 30er Jahren als Messdiener gekegelt hat. "Das Hotel Storck in der Grabenstraße war damals die erste Adresse für Kegler", berichtet Helmut Reichert. "Dort gab es noch die alte Scherenbahn, die sich nach einigen Metern verbreiterte." Aufgabe der Kegeljungen war es, die Kugeln in der Rollbahn zurückzuschicken und die Kegel wieder aufzustellen. "Das war manchmal ein bisschen gefährlich", erinnert sich Reichert, der im Casino und im Hotel Storck, das damals über die einzige Bundeskegelbahn in Traben-Trarbach verfügte, tätig war. Kam eine große Kugel schnell daher, mussten sie rasch zur Seite springen. "Langsame Kugeln haben wir auch direkt aufgenommen." Einmal pro Woche verdiente sich Reichert sein Geld, oft auch an den Wochenenden. Um 20 Uhr trat er seinen Dienst an , und Feierabend war erst gegen 1 Uhr nachts.Als Kegelsport-Ort war Traben-Trarbach außerordentlich beliebt, aber auch im Städtchen selbst gab es viele Clubs. "Geschäftsfrauen, Wirte, Lehrer, alle haben gekegelt", weiß Helmut Reichert, der seinem Geschichtslehrer einmal zu unerwartetem Ansehen verhalf. Der Herr hatte wenig Geschick im Umgang mit der Kugel, konnte froh sein, wenn sie überhaupt in der Bahn blieb und wurde von den Kollegen oft ausgelacht. Da sagte sich der Schüler Helmut Reichert: "Dem machste mal gute Laune." Unbemerkt griff er beim Eintreffen der Kugel den hinteren Kegel am Schaft und warf ihn um, so dass alle neun Kegel am Boden lagen. "Der Lehrer hat gekegelt wie noch nie", freut sich Reichert noch heute. Am nächsten Morgen erwartete ihn der Pädagoge schon an der Schultür. "Da habe ich gestern einen guten Tag gehabt", sagte er, und Helmut gestand daraufhin, dass er seinem Glück ein wenig nachgeholfen habe. "Das habe ich mir schon gedacht", antwortete der Lehrer und fügte hinzu: "Reichert, du kriegst eine Eins in Geschichte". Der Schüler freute sich. "Ich war in Geschichte zwar gut, aber eine Eins hatte ich noch nie", sagt Helmut Reichert, der damals niemandem davon erzählte. "Das ist mein Geheimnis geblieben."