Keiner baut für sich allein

Solange sich Bauherren im Rahmen der Gesetze bewegen, dürfen sie bauen, was und wie sie wollen. Dass die Häuser so nicht immer im Einklang mit der Umgebung stehen, versteht sich von selbst. Mithilfe einer gemeinsamen Initiative des Kreises und der Architektenkammer Rheinland-Pfalz soll nun für einen verantwortungsvolleren Umgang mit heimischer Baukultur geworben werden.

Bernkastel/Wittlich. "Baukultur lässt sich nun einmal nicht verordnen", sagt Annette Müller von der Architektenkammer Rheinland-Pfalz. Dennoch, und genau das sei das Verzwickte daran, baue niemand nur für sich. "Denn alleine dadurch, dass Gebäude in aller Regel an den öffentlichen Raum angrenzen, bestimmen sie ihn mit", erklärt Müller. Gewollt oder ungewollt würden sie damit in der Summe das Orts- oder Stadtbild prägen.
Vielen Menschen ist das nicht bewusst. Weshalb die Architektenkammer gemeinsam mit dem Kreis Bernkastel-Wittlich daran arbeitet, das zu ändern. Und zwar mithilfe der "Initiative Baukultur im Landkreis Bernkastel-Wittlich", die im Wesentlichen darin besteht, Bürger durch das Aufzeigen gelungener Beispiele für das Thema zu sensibilisieren. So sollen einmal pro Monat heimische Bauprojekte vorgestellt werden, bei denen die Bauherren und Architekten die regionale Baukultur besonders berücksichtigt haben.
Es gehe darum, die Dörfer des Landkreises fit für die Zukunft zu machen, erklärt Mike Winter von der Kreisverwaltung. Und dazu gehöre auch, das Erscheinungsbild der Gemeinden, sprich ihre Gebäude, weiterzuentwickeln. In Zeiten weltweiter Globalisierung drohe das Unverwechselbare der Region - wie beispielsweise das sogenannte Trierer Quereinhaus (siehe Extra) - und damit auch ein Stück Orientierung und Heimat verloren zu gehen, fügt er hinzu.
Erhalt der Ortskerne


Erhöhter Handlungsbedarf besteht laut Winter vor allem aufgrund des generellen Strukturwandels, der meist mit dem Rückzug der Landwirtschaft einhergeht. "Die Bevölkerungsstruktur und das Arbeitsplatzangebot haben sich verändert und fordern für viele Gebäude neue Nutzungen", erklärt er. Einer der Schwerpunkte sei deshalb der Erhalt und die Entwicklung der Ortskerne.
"Die Umnutzung sollte so erfolgen, dass historisch gewachsene und unverwechselbare Ortsbilder erhalten bleiben", sagt der Mitarbeiter der Kreisverwaltung. Das bedeute jedoch nicht, dass keine modernen Elemente eingefügt werden dürften. "Es geht nicht um das Nachbauen des Vorhandenen", erklärt Winter. Der Sinn sei vielmehr, Material, Form und Farbgebung mit der Natur und dem historischen Siedlungsraum in Einklang zu bringen.
"Regionale Typiken sind keine statistischen Gegebenheiten, sondern werden immer weiter entwickelt", meint dazu auch Architektin Müller. Deshalb sei die Initiative Baukultur auch nicht als "restaurative Veranstaltung" zu verstehen. Im benachbarten Eifelkreis Bitburg-Prüm, wo eine vergleichbare Initiative bereits vor zwei Jahren gestartet wurde, sei die Auseinandersetzung mit der Baukultur bereits auf breite Aufmerksamkeit gestoßen, sagt Müller. Zwar läge die Wahl zwischen Neubaugebiet und Ortskern nach wie vor in der Verantwortung eines jeden Einzelnen, doch sei es der Initiative Baukultur Eifel zu verdanken, "dass inzwischen viele die Frage stellen, ob ein altes Haus im Ortskern das Richtige für sie sein könnte, oder ob sie bei ihrem Neubau an regionale Traditionen anknüpfen".Extra

Vorlage: Als traditioneller Bautyp der Eifel, der weit bis nach Belgien und Nordrhein-Westfalen hinein anzutreffen ist, gilt in erster Linie das sogenannte Trierer Quereinhaus: ein langer, meist zweigeschossiger Bau mit Satteldach. Doch gibt es natürlich auch viele historische und ortsbildprägende Häuser, bei denen Wohn- und Stalleinheit beispielsweise im Winkel gebaut wurden, oder aber Häuser mit eher quadratischem Grundriss. Was diese Bauten aber in der Regel gemeinsam haben, sind die klaren Formen, der Verzicht auf Dachüberstände sowie eine verputzte Fassade mit regelmäßig angeordneten hochstehenden Fenstern. Investitionen: Nach Auskunft der Kreisverwaltung wurden in den vergangenen fünf Jahren an die 400 Maßnahmen im Rahmen der privaten Dorferneuerung mit rund 3,2 Millionen Euro Bundes- und Landesmitteln gefördert. Investiert wurden insgesamt rund 25 Millionen Euro - pro ein Euro Fördermittel also rund 7,80 Euro Investition. Im Schnitt gab es damit jährlich circa 640 000 Euro Zuschuss. uhe

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