Keltengräber unter der Startbahn

HAHN. Geschützt und verborgen in der Erde überstanden Zeugnisse der Vergangenheit Jahrtausende. Im Zuge der Verlängerung der Startbahn des Flughafens Hahn kam ein antikes Grabhügelfeld zutage. Vier Bestattungen aus keltischer Zeit und ein römisches Grab wurden im Sommer von Archäologen ausgegraben. Während der Wintermonate werden die Funde jetzt wissenschaftlich ausgewertet und damit für die Nachwelt gesichert.

Das passiert auch der für den Hunsrück zuständigen Abteilung des Landesamtes für archäologische Denkmalpflege mit Sitz auf der Festung Ehrenbreitstein nicht alle Tage. Gleich zu Beginn der Planungen zur Verlängerung der Startbahn des Hunsrück-Airports wurden die Archäologen direkt in die Planung mit einbezogen. Den Wissenschaftlern war ein umfangreiches Gräberfeld im weiteren Bereich der Baustelle bekannt. Zusätzlich verlief die Trasse der Römerstraße von Koblenz und Boppard nach Trier über dieses Areal. Also war davon auszugehen, dass geschichtsträchtige Funde dort zu erwarten seien. Dank der engen Kooperation zwischen der Flughafengesellschaft und den Denkmalpflegern rückten gleichzeitig mit den schweren Baggern und Planierraupen die Archäologen mit Spaten, Pinsel und Maßband an. Dies entspricht nicht der Regel: Meist wird die archäologische Denkmalpflege erst informiert, wenn Zeugnisse der Vergangenheit von Baggerschaufeln angeschnitten und zumindest teilweise zerstört worden sind, wenn also Notgrabungen angesagt sind.Vier keltische Hügel, ein Grab aus Römerzeit

Sechs Wochen lang war ein Grabungstechniker mit etlichen Helfern unter der Leitung von Oberkonservator Axel von Berg im Einsatz. Vier keltische Hügel und ein Grab aus römischer Zeit konnten sie im direkten Baustellenbereich erforschen und wissenschaftlich auswerten. Während die PS-strotzenden Baumaschinen gewaltige Erdmassen bewegten, gruben sich die Archäologen Zentimeter um Zentimeter in die Vergangenheit. Gleich einem Geschichtsarchiv im Boden dokumentierten die einzelnen Schichten den Totenkult im Hunsrück vor 2600 Jahren. Pro Hügel war ein Toter begraben. Dabei handelte es sich, entsprechend dem keltischen Brauch, um eine Ganzkörperbestattung. Exakt konnte jeweils die Steinsetzung der Grabkammer nachgewiesen werden. Im staunassen Lehmboden hatten die verrotteten Holzteile den Boden verfärbt. Alle Knochen der Verstorbenen waren komplett von dem sauren und aggressiven Boden aufgelöst worden. Erhalten haben sich einige Teile aus Keramik, die als Grab-Beigabe mit Lebensmitteln gefüllt dem Toten den Weg ins Jenseits erleichtern sollten. Am besten überstanden Schmuckstücke die Zeit in der Hunsrücker Erde. Geborgen wurden Arm-, Hals- und Schläfenringe aus Bronze - typischer Schmuck für die Zeit der keltischen Hunsrück-Eifelkultur. Dank dieser Gegenstände datierten die Archäologen die Entdeckung auf 600 v. Chr. "Ein typischer Fund für das hier lebende keltische Klientel", urteilt von Berg. Besondere Aufmerksamkeit erhielten dabei die Schläfenringe, die von der keltischen Frau beidseitig des Kopfes getragen und in das verknotete Haar regelrecht eingehängt wurden. Damit diese Wendelringe in der Frisur hielten, benutzte die keltische Dame zur Festigung Öl und Fett. In einem weiteren Grab wurden Schläfenwendelringe geborgen, die mit kleinen Drahtringen an einem um den Kopf gewickelten Band befestigt waren. Bronze war ein sehr begehrtes Material in vorgeschichtlicher Zeit. Durch regelmäßiges Tragen und Polieren erhielt das Metall einen Glanz, der echtem Gold nicht unähnlich war. Gefertigt wurde der Schmuck von einheimischen Handwerkern. Aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert stammt die Grabstelle einer römischen Frau. Dabei handelt es sich um eine Urnenbestattung. Entgegen der allgemeinen römischen Tradition wurde in diesem Fall der Brauch des Grabhügels beibehalten. Es handelt sich also um eine Verschmelzung von einheimischen, keltischen Traditionen, mit römischen Sitten. Im Gegensatz zu benachbarten Regionen hielt sich der Brauch des Anlegens von Grabhügeln im Hunsrück besonders lang. Wissenschaftlich dokumentiert werden konnte ein weiteres, ausgedehntes Gräberfeld an der Peripherie der Startbahn. Die Zahl von ursprünglich 20 bekannten Gräbern stieg bei der Untersuchung des Geländes auf 56. Hier fanden erste grobe Untersuchungen bereits in den 50er Jahren statt. In Zusammenarbeit mit der Flughafen Hahn GmbH - die alle Kosten für die aktuelle Grabung übernahm - soll über einen archäologischen Pfad dieser historische Ort allgemein zugänglich gemacht werden.Sonderausstellung im Hunsrück-Museum

Zurzeit werden die interessantesten Fundstücke von der Startbahn in den Werkstätten des Denkmalamtes restauriert. Die Originale und ihre archäologische Auswertung sollen nach dem Abschluss der Arbeiten in einer Sonderausstellung im Hunsrück-Museum in Simmern der Öffentlichkeit präsentiert werden.

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