Kinder an die Macht - auch im Heim
Speicher/Bernkastel-Wittlich · Der Gedanke, dass sich junge Heimbewohner stärker als früher an den Entscheidungen ihrer Erzieher beteiligen dürfen und sollen, wird seit einigen Jahren verstärkt umgesetzt - auch im St.- Vinzenzhaus in Speicher. Dort leben derzeit 48 Kinder und Jugendliche.
Speicher/Bernkastel-Wittlich. Der 14-jährige Tim (Name geändert) kennt die Vorurteile, mit denen Heimkinder oft konfrontiert werden. "In der Schule denken viele, hier gäbe es kein Taschengeld", sagt er. "Aber das stimmt nicht. Die denken, hier gäbe es kein Internet, aber das stimmt nicht. Die denken, hier wäre es schlimm. Ist es aber nicht." Tim lebt im St.-Vinzenzhaus, einem Kinder- und Jugendheim in Speicher, in dem derzeit 48 Plätze belegt sind. Neben ihm gibt es im Eifelkreis Bitburg-Prüm nur noch kleinere Einrichtungen. 116 Kinder und Jugendliche aus dem Kreis Bernkastel-Wittlich wohnen in neun Heimen sowie einigen Außengruppen und Erziehungsstellen, etwa ein Drittel aber außerhalb des Kreises - beispielsweise in Speicher. Die Verwaltung des Vulkaneifelkreises hat dem TV keine Zahlen genannt.
Es scheint, als sei der Blick auf solche Heime bei vielen Menschen noch von den 50er und 60er Jahren geprägt. Damals herrschten andere Vorstellungen von Erziehung vor. In einigen Fällen wurden Heimkinder gedemütigt, misshandelt und zur Arbeit gezwungen - eine Erziehung, die als "schwarze Pädagogik" bezeichnet wird.
Längst hat sich jedoch in den Kinderheimen ein anderes Prinzip durchgesetzt: die Partizipation. "Es geht darum, die Kinder stärker mitbestimmen zu lassen und ihre Anliegen ernst zu nehmen", erklärt Michael Köhli, Leiter des St.-Vinzenzhauses.
Mitsprache auch bei Pädagogik
Die Kinder und Jugendlichen dürfen seit zwei Jahren Sprecher aus ihren Reihen wählen, die die Interessen ihrer Mitbewohner gegenüber der Heimleitung vertreten. Sie geben den Erziehern Anregungen zur Freizeitgestaltung oder machen sie auf Konflikte zwischen den Heimbewohnern aufmerksam.
Auch bei pädagogischen Themen dürfen sie mitreden - zum Beispiel, wenn sie mit den festgelegten Bettzeiten unzufrieden sind. Es ist eine Demokratisierung der Heime, die das Leben der Bewohner verbessern soll. Michael Köhli: "Heute fragen sich die Pädagogen: Was werden die Kinder in 30 oder 40 Jahren über ihre Zeit im Heim sagen?" Wem das Wohl der Kinder am Herzen liegt, der muss sich mit dieser Frage beschäftigen.
Ein Problem, das die Kinder haben, kann aber auch der Demokratiegedanke nicht beheben: das Heimweh. "Manche glauben, nicht hierhin zu gehören", sagt Tim. "Sie vermissen ihre Eltern und Geschwister." Michael Köhli versteht das: "Der Wunsch, nach Hause zu gehen, muss gewürdigt werden - aber er muss sich auch an der Realität messen lassen." Manche Familien sind so zerrüttet, dass eine Rückkehr des Kindes nahezu ausgeschlossen ist.
Der Prozess ist in Speicher noch nicht am Ende. "Es wird wahrscheinlich einen Vertrauenserzieher geben", sagt Tim. "Der wird wohl so ähnlich wie ein Vertrauenslehrer sein, der an der Schule Konflikte löst."
Auch der Vertrauenserzieher wird von den Kindern und Jugendlichen bestimmt werden - natürlich in einer Wahl, ganz demokratisch. Das St.-Vinzenzhaus: Im Jahr 1904 gründeten die Kölner Vinzentinerinnen in Speicher in der Eifel eine Niederlassung zur ambulanten Krankenpflege. Später erweiterten sie diese durch eine Kinderbewahrschule und eine Handarbeitsschule. Heute ist das St.-Vinzenzhaus ein modernes Heim, das 55 Wohnplätze für Kinder und Jugendliche bietet. Aktuell sind davon 48 Plätze belegt. Bei der Betreuung deckt das St.- Vinzenzhaus ein breites Altersspektrum ab: Der jüngste Bewohner ist derzeit zwei Jahre alt, der älteste 19. Der Aufenthalt kostet insgesamt rund 3000 Euro im Monat, zur Deckung der Kosten wird das Einkommen der Eltern herangezogen. Die Unterbringung in einer Einrichtung wie dem St.-Vinzenzhaus kann verschiedene Gründe haben. Oft sind es Familienkrisen, ausgelöst durch Suchtprobleme oder Erkrankungen der Eltern. Waisenkinder gibt es in Heimen kaum, sie leben in der Regel in Pflegefamilien. Neben der stationären Hilfe bietet das St.-Vinzenzhaus auch teilstationäre und ambulante Hilfen an und verfügt über eine Kindertagesstätte mit 50 Plätzen. gub