Kleine Kneipen, große Lieben

Bitburg/Wittlich/Daun Erst sind die Tante-Emma-Läden verschwunden, dann die Bäckereien und die Bank-Filialen. Und jetzt stirbt auch noch das Wirtshaus auf dem Land.

Das zeigen die Zahlen des Statistischen Landesamtes. Gereon Haumann glaubt, dass daran auch der Staat Schuld hat. Der Präsident des rheinland-pfälzischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) fordert: "Die kleine Kneipe muss die große Liebe der Politik werden." Ein Interview. Herr Haumann, warum machen immer mehr Lokale auf dem Land dicht? Haumann: Weil Wirte kaum noch Geld verdienen. In der Folge finden sie keine Nachfolger mehr, die zu diesen Konditionen arbeiten wollen. Und welche Konditionen sind das?Haumann: Der Staat belädt sie mit bürokratischen Auflagen und die Konkurrenz drängt sie vom Markt. Von welcher Konkurrenz sprechen wir?Haumann: Zum Beispiel von Kaffeehäusern und Imbissketten. Da wird dann "Coffee to go" angeboten statt Kaffee und Kuchen, Burger statt Hausmannskost. Und dann haben wir überall das gleiche Angebot. Ok, aber manche Orte wären doch froh, wenn es überhaupt ein Angebot gäbe …Haumann: Das ist richtig. Für Systemgastronomen lohnen sich kleine, abgelegene Gemeinden nicht. Aber auch hier gibt es Konkurrenz. Ob Hochzeit, Geburtstag, Fastnacht - früher wurde zu jedem Anlass in der Wirtschaft gefeiert. Heute geht man ins Gemeindehaus, weil die Mieten und das Bier dort günstiger sind. Deren Bau wurde von der öffentlichen Hand gefördert. Eine Fehlentscheidung der Politik? Gibt es denn noch weitere?Haumann: Ja, die Politik hat viel zum Kneipensterben beigetragen. Das Rauchverbot treibt die Gäste aus dem Lokal, die abgesenkte Promillegrenze im Straßenverkehr macht den Alkoholkonsum unmöglich. An den Spielautomaten verdient man auch nichts mehr - wegen der Vergnügungssteuern. Außerdem betreiben Wirte mittlerweile einen wahnsinnigen bürokratischen Aufwand. Wer heute eine Kneipe führt, muss zum Beispiel endlose Kataloge mit Allergikerhinweisen bereitstellen. Aber es ist immer leicht, auf die Politik zu zeigen. Stirbt den Kneipen nicht auch die Kundschaft weg? In der jüngeren Generation geht doch kaum noch jemand zum Frühschoppen oder zum Kegeln …Haumann: Die Wirte tun doch schon einiges, um neue Kunden zu werben. Wer überleben will, muss ein attraktives Angebot machen. Das kann die saisonale, regionale Speisekarte sein oder die besondere Einrichtung. Aber selbst das ist noch kein Garant dafür, dass sich eine Kneipe hält. Ist das Wirtshaus dann überhaupt noch zu retten?Haumann: Ich denke schon. Die Leute werden es satthaben, nur noch per Mail miteinander zu kommunizieren. Sie werden sich das analoge Tresengespräch zurückwünschen, den direkten Austausch. Aber dafür ist eine Imagekampagne nötig. Gutes Essen, das gepflegte Bier - das muss uns wieder etwas wert sein.Christian Altmayer