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Kleine Wittlicher Tankstellen-Geschichte

Kleine Wittlicher Tankstellen-Geschichte

In der TV-Rubrik "Rückblende" stieß Klaus Petry auf den Hinweis, 1927 sei in Hamburg die erste Tankstelle eröffnet worden. Er weist in der heutigen Stadtgeschichte nach, dass man in Wittlich schon früher tanken konnte.

Wittlich. "Dass es in Hamburg seit 1927 eine erste Tankstelle gab, mag für den weltoffenen Hamburger ein Grund des Stolzes sein, ein geschichtsbewusster Wittlicher kann darüber jedoch nur lachen!In der Sitzung der Wittlicher Stadtverordnetenversammlung am 10. Juni 1925 (!) war nämlich schon beschlossen worden, dass dem Antrag der Gesellschaften Dapolin, Stellin und Olex stattgegeben werden solle, vor den Häusern Carl Fischer, Josef Niles und Heinrich Josef Thiel Benzintankstellen zu errichten. Die Genehmigung galt für ein Jahr, danach konnte die Erlaubnis jederzeit wieder zurückgenommen werden. Was und wer verbirgt sich hinter diesen Namen? Carl Fischer war der Besitzer der Adler-Drogerie in der Burgstraße. Sie existiert heute noch. Lediglich das Sortiment hat zwischenzeitlich mehrfach gewechselt, nicht aber der Name der Besitzerfamilie. Im Jahr 2002 konnte sie ihr 100-jähriges Bestehen feiern. Heinrich Josef Thiel war Mechaniker und hatte sein Geschäft in der Römerstraße 22. Josef Niles war Autoschlosser. Sein Geschäft befand sich in der Neustraße 7. Schon 1925 existierten also in Wittlich drei Tankstellen! Es kommt aber noch besser.

Das Wittlicher Tageblatt berichtet am 8. Oktober 1926, dass eine weitere Tankstelle an der Augusta-Drogerie der Witwe Benz errichtet werde. Ende des Jahres war sie in Betrieb, denn am 6. Dezember publizierte dieselbe Zeitung den ersten Leserbrief gegen diese Tankstelle. Geschrieben hatte ihn Wilhelm Schrot, der Vater des gleichnamigen Wittlicher Ehrenbürgers.

Da seine Vorwürfe auch heute noch durchaus von einer gewissen, allerdings mehr allgemeinen Aktualität sind, dürfte sein Brief eine größere Leserschaft interessieren. Unter dem Titel "Eingesandt" heißt es:

"Es wäre an der Zeit, dass unsere Stadt-Verwaltung, ehe sie die Genehmigung zu etwas erteilt, sich vorher überzeugt, um was es sich handelt. Sie hat nämlich der Witwe Benz die Genehmigung zur Aufstellung eines Tanks vor ihrem Lager in der Verbindungsstraße Feldstraße-Mühlenstraße erteilt. Dass dadurch der Verkehr durch diese Straße, welcher sehr groß ist, gehemmt wird, ist nicht zu bestreiten, denn wenn ein Auto dort hält, um Benzin zu füllen, kommt kein Fuhrwerk mehr vorbei. Die Tankpumpe steht 95 Zentimeter in die Straßen hinein. Ein Stadtverordneter sagte, als er dieselbe sah, es ist ein Verkehrshindernis. Ein anderer sagte, wir waren der Meinung, es würde wie bei Niles etc. Es wäre den Herren sehr zu empfehlen, sich vorher an Ort und Stelle zu überzeugen, ganz einerlei, um was es sich handelt, ehe sie ja sagen. Es ist gerade genug die letzten Jahre in unserer Stadt durch die Gleichgültigkeit unserer Herren Stadtverordneten passiert."

Lassen wir seine Bemerkungen zum Tun der Stadtverordneten - heute sagt man "Stadträte" - einmal unkommentiert und wenden uns wieder dem Tankstellenbesatz von Wittlich zu. Ein Jahr später, am 1. Oktober 1927, brachte die Zeitung eine großformatige Geschäftsanzeige der Auto-Reparatur-Werkstätte Heinrich Kranz. Neben umfassenden Geschäftsfeldern wie Autovermietung, Reparaturen, Bereifung etc. wurde auch mit einer "Dapolin-Tankstelle" geworben. Anders ausgedrückt bedeutet dies, dass 1927 in Wittlich, sofern zwischenzeitlich keine Erlaubnis versagt worden war, fünf Tankstellen existierten. Wenn das kein Alleinstellungsmerkmal für Wittlich ist!