Komma mit Lineal gemacht

WITTLICH. Viele Familienmitglieder von Josefine Meyer haben ein hohes Alter erreicht. Sie selbst feierte gerade ihren 100. Geburtstag im Kreis ihrer Familie, die teilweise sogar von Dubai her anreiste.

Wenn es Josefine Meyers Vater nicht gegeben hätte, wer weiß, wann und wie Trier seine Kanalisation bekommen hätte. Friedrich Theisen, Jahrgang 1854, war nämlich einer, der gerne reiste. So zog es den Klempner- und Installateurmeister vor der Jahrhundertwende auch nach Paris zur Weltausstellung. Dort erkannte er, dass Trier eine Kanalisation dringend nötig hatte, traf sämtliche Vorbereitungen, und als die Ausschreibung 1900 auf dem Tisch lag, war er der Schnellste und bekam den Zuschlag. Damit hat er der innovative Mann seiner immerhin sechsköpfigen Kinderschar ein schönes Leben ermöglicht. "Nebenbei" erwarb Theisen das Patent auf die erste kupferne Weinbergsspritze und erbaute das Jugendstilhaus in der Fleischstraße 45, dessen schmucke Sandsteinfassade jeder Trierer kennt. Inzwischen ist die Lieblingstochter von einst stolze 100 Jahre alt. Vom Papa geerbt hat sie die Freude am Reisen. Auch sein großes Porträt in Öl schmückt bis heute ihr Zuhause, das sie seit einem Jahr ins Seniorenheim Wendelinus nach Wittlich verlegt hat. Das Bild, das eine verblüffende Ähnlichkeit der beiden offenbart, war der Lohn dafür, dass sie den Vater bis zu seinem Tode gepflegt hat. Der zweite wichtige Mann in Josefine Meyers Leben war der eigene. Viktor hieß er. Die beiden durften noch gemeinsam goldene Hochzeit feiern. Auch nach Viktors Tod setzte Josefine ihr gleichmäßiges, ausgeglichenes Leben fort, das durch die Tugenden geprägt war, die die Menschen weltweit meist "typisch deutsch" nennen: Gründlichkeit, Genauigkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, und wenn man im Bett ist, schläft man dort und liegt nicht wach herum: Wenn man wach ist, steht man eben auf und zieht sich an, selbst wenn es 4 Uhr in der Früh ist. Ein Lebensgrundsatz, an den sich die Pflegerinnen in St. Wendelinus erst gewöhnen mussten. "Ihr Leben war ganz anders als das von uns heute", sagt Schwiegertochter Inge Meyer-Roeloffs. Damals waren verheiratete Frauen nicht berufstätig. Zwar hatte Josefine in den Zwanzigern an einem Trierer Mädchengymnasium das so genannte Puddingabitur gemacht, ein Abschluss ohne Latinum, doch der führte nicht wie heute automatisch an die Uni oder zu einer Ausbildung. "Ich habe im Elternhaus gewohnt und habe mich da wohl gefühlt, bis ich geheiratet habe." Viel hat die alte Dame vergessen, aber manches weiß sie noch genau. 1932 kam Sohn Rolf zur Welt, mit dem sie im Krieg in einen kleinen Moselort evakuiert wurde. 1945 kam der Mann zurück, das Haus hatte zwar Schäden abbekommen, konnte jedoch wieder hergerichtet werden. Später zog der Sohn mit seiner Familie nach Wittlich, wurde hier Notar. Wenn die Oma zu Besuch kam, und sie kam regelmäßig, ging sie selbstverständlich bis zum Bahnhof in Trier zu Fuß, nahm in Wengerohr den Bus und ging genauso selbstverständlich vom Viehmarktplatz bis zum Häselberg wieder zu Fuß. In späteren Jahren gab sie die Tasche im Notariat ab, um wenigstens die Hände frei zu haben. "Das würde meinen Kindern niemals einfallen", sagt die Schwiegertochter lachend. "Die rufen mich nicht nur von Wengerohr aus an: Mama, kannste mich mal abholen?" Auch sonst nahm und nimmt es Josefine Meyer sehr genau: Die Servietten faltet sie akkurat, abgelegte Kleider auch, die einst blonden Locken pflegt sie gerne, und wo auch immer eine Fußmatte im Weg liegt, streift sie gründlich ihre Schuhe ab. "Das Komma mit dem Lineal machen" nennt Meyer-Roeloffs diese Angewohnheiten, die sie als typisch für die Familie bezeichnet: Auch ihr Mann sei so einer gewesen. Den 100. hat man in Trier, dem einstigen Lebenszentrum der Familie, gefeiert. Feinen Fisch gab's, nicht wie früher selbst gefischten aus der Mosel, und ein Urenkel reiste mit den Eltern aus Dubai an.

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