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Kümmerer sollen Kranke an die Hand nehmen

Kümmerer sollen Kranke an die Hand nehmen

Gemeinsam gegen das Vergessen und für ein würdiges Leben der Alten und Kranken: Flächendeckend soll dies mit Hilfe des Bundes an der Mittelmosel möglich sein. Dafür braucht es sogenannte Kümmerer und etwas Zeit.

Zeltingen-Rachtig. Herbert Schommer kann es gar nicht abwarten. Der 86-Jährige spielt schon vor dem offiziellen Beginn der Auftaktveranstaltung des Projekts "Lokale Allianz für Menschen mit Demenz" auf dem Schifferklavier leise "Wenn der Wein blüht, ist es schön an der Mosel". Schommer, Mitglied des Seniorenmusizierkreises Monzelfeld, ist nicht dement. Er wurde nur traurig, als seine Frau vor einem Jahr starb. Vereinsamung und damit vielleicht auch die Demenz drohten. "Meine Töchter sagten, ich solle mir ein Musikinstrument kaufen", erzählt er.
Nach mehr als 50 Jahren nahm Schommer wieder ein Instrument in die Hand und trat dem Musizierkreis bei. "Ich freue mich auf die Proben und die Gesellschaft", berichtet er. Er und die anderen etwa 25 Mitglieder (Mindestalter 50 Jahre) sind gute Beispiele für die Thematik des Abends im Kelterhaus Schorlemer in Zeltingen-Rachtig. Es geht nicht nur um bereits demente Menschen, sondern auch um das Vorbeugen. Da kann die in Gesellschaft gespielte Musik helfen.
Zum Hintergrund: Die Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues beteiligt sich an dem von Bund initiierten Projekt "Lokale Allianz gegen Demenz" und bekommt dafür über zwei Jahre eine finanzielle Förderung von 10 000 Euro. Ziel ist es, Demenzkranke nicht auszugrenzen, sondern mit in das gesellschaftliche Leben vor Ort einzubeziehen. Dafür sollen sogenannte Kümmerer eingesetzt werden. Einer davon ist Axel Leischner, der auch viel mit Musik arbeitet. Weitere Partner sind das Fachzentrum für Demenz Mosel-Eifel-Ahr, speziell in der Person von Margret Brech, und die Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich (der TV berichtete). In der VG Bernkastel-Kues ist der hauptamtliche Beigeordnete Leo Wächter federführend. Sein Credo: Es muss nachhaltiger als bisher gelingen, Menschen zu ermutigen, nachbarschaftliche Hilfe zu leisten beziehungsweise diese anzunehmen. Anfänge sind in Kesten und Zeltingen-Rachtig gemacht (der TV berichtete). Die Bürgermeister Michael Beer und Manfred Kappes berichten von einer erfreulichen Resonanz. Interessiert hören auch die Ortsbürgermeister von Graach, Erden und Gornhausen zu. Der Rest der Oberen aus den 23 Orten der VG Bernkastel-Kues glänzt durch Abwesenheit. Der Neurologe Dr. Bernhard Jacob (Median Klinik Burg Landshut) berichtet anschaulich über das Krankheitsbild. "Wer rastet, der rostet. Training ist wichtig", sagt er. Und: "Angehörige leiden oft mehr als Kranke."
Zum Schluss wird es lustig und nachdenklich zugleich: Der Diplom-Sozialpädagoge Franz-Josef Euteneuer betrachtet das Thema kabarettistisch. "Wenn man alles behalten würde, wäre es auch nicht gut", sagt er. Und: "Es steht uns nicht an zu urteilen, ab wann das Leben nicht mehr kostbar ist." Demenz passe in die Zeit, "weil wir uns selbst vergessen und glauben, wir seien nichts mehr wert." Wichtig sei: "Ich bin etwas wert, weil es mich gibt."
Wer Interesse hat: Infos gibt es bei Margret Brech, Telefon 06571/149728, und bei Axel Leischner, Telefon 06534/949401.
Meinung

Unverzeihliche Vergesslichkeit
Jeder, der bei der Auftaktveranstaltung dabei war, ist wichtig. Von den potenziell wichtigsten Kümmerern, die das Projekt in ihre Orte tragen sollen, ließen sich aber nur fünf von 23 blicken, obwohl alle schriftlich eingeladen waren. Vielleicht hatten einige der Bürgermeister aus der VG Bernkastel-Kues den Termin schlichtweg vergessen. Aber im Ernst: Die Einladung zu einem so wichtigen Thema zu ignorieren, stellt eine Missachtung der Interessen der Kranken, ihrer Angehörigen und der Kümmerer dar. Die Bürgermeister verpassten eine Veranstaltung, bei der auch viel gelacht wurde und die mit dem Auftritt des Seniorenmusizierkreises einen Weg zeigte, wie man gegen Vereinsamung ankämpfen und der Demenz vorbeugen kann. c.beckmann@volksfreund.de