Künstliche Aromen prägen Kindergaumen

ERBESKOPF/TRABEN-TRARBACH. Die Ernährungsvorlieben von Kindern bringen manche Eltern zur Verzweiflung. Statt Obst und Gemüse erklärt so mancher Sprössling Pommes Frites zur Lieblingsspeise. Die Ernährungswissenschaftlerin Yvonne Clemens aus Traben-Trarbachweiß Rat.

Frau Clemens, Was müssen Kinder im Zusammenhang mit dem Essenlernen? Clemens: Ich versuche, Kindern durch Wahrnehmungsübungen und kleine Experimente eine Möglichkeit zu geben, ganz spielerisch die Bedeutung ihrer Sinne zu erfahren. Gerade für jüngere Kinder soll das Thema Ernährung aus der abstrakten Betrachtungsweise herausgeholt werden. Stattdessen sollen sie ihre eigenen, angeborenen Messinstrumente, also ihre eigenen fünf Sinne, anwenden.

Sie wollen Kindern den natürlichen Geschmack von Lebensmitteln vermitteln. Warum ist das notwendig?

Clemens: Dass die Sensibilität vieler Kinder für natürliche Lebensmittel schwindet, ist leider eine Tatsache. Die Kinder werden ja auch geradezu mit "hippen" Fertigprodukten überhäuft, die ohne künstliche Geschmacksstoffe gar keinen Geschmack mehr hätten. Aber eben diese künstlichen Geschmäcker prägen heute leider den Gaumen unserer Kinder.

Was ist dran an dem Vorurteil, Kinder würden sich am liebsten von Pommes Frites und Fertig-Spaghetti ernähren?

Clemens: Meiner Meinung nach handelt es sich hier wirklich um ein Vorurteil. Ich kenne Kinder, die nennen als Lieblingsspeise Linsensuppe, gebratene Forelle oder einfach nur Äpfel. Aber gehen Sie mal in einem Restaurant auf die Kinderspeisekarte. Dort gibt es Pommes mit Fischstäbchen oder Spaghetti mit Tomatensoße, mit einem hübschen Namen versehen, wie den Pumuckl-Teller. Ich denke, es sind eher die Erwachsenen, die etwas mehr Fantasie bezüglich der Speisenauswahl für Kinder zeigen müssen.

Als Mutter zweier Kinder haben sie sicher ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema gemacht. Hand aufs Herz, gibt es bei Ihnen auch schon mal Fast Food?

Clemens: Wenn es bei uns hoch hergeht, schiebe ich auch schon mal eine Tiefkühlpizza in den Backofen. Und nachdem meine Kinder den Wunsch geäußert hatten, ins Fast-Food-Restaurant zu gehen, haben wir auch das ausprobiert. Allerdings waren meine Töchter danach ziemlich enttäuscht, sie hatten nach den Erzählungen anderer Kinder wesentlich Besseres erwartet. Hin und wieder Fast Food zu essen, dagegen ist nichts einzuwenden, es sollte nur nicht zur Regel werden. Ich mache mit meinen Kindern zusammen nun selbst ab und zu Hamburger, mit selbst gebackenen Brötchen, selbst gewürzten Frikadellen und frischem Gemüse, und der Vergleich macht es möglich, dass meine Kinder sich nicht auf bestimmte Gerichte versteifen.

Welches sind die wichtigsten Tipps, die Sie Eltern an die Hand geben würden?

Clemens: Ich würde allen Eltern empfehlen, ihre Kinder von allen Lebensmitteln und Gerichten probieren zu lassen - mit Ausnahme von Alkohol natürlich. Je breiter das Spektrum ist, das Kinder ausprobieren können, um so weniger Probleme gibt es später mit einer zu einseitigen Ernährung. Eltern meinen oft, dass bestimmte Speisen oder Nahrungsmittel uninteressant für ihre Kinder sind, aber das ist ein Irrglaube. Da erzählt ein Kind ganz begeistert, dass es beim Freund Spinat, eingelegte Heringe oder Rote Beete gegessen hat, und die Eltern sind völlig verblüfft, weil sie ihren Sprösslingen nie zugemutet haben, so etwas zu essen. Lassen Sie Ihre Kinder selbst entscheiden!

Ist das genussvolle Essen nicht eine Aufgabe, die das Elternhaus vermitteln muss? Warum ist das auch ein Thema für Erzieherinnen?

Clemens: Das Elternhaus spielt hier sicher eine ganz große Rolle. Aber leider läuft im Alltag nicht alles nur auf den Nenner "Genießen macht Spaß" hinaus. Da fehlt es in vielen Familien an Zeit, oftmals auch am Handwerklichen, also dem Kochwissen. Oder wenn Kinder helfen wollen, heißt es: "Das kannst du doch nicht." Im Kindergarten oder der Grundschule ist es eher möglich, den Forscherdrang für das alltägliche Essen und Trinken zu wecken. Das Probieren von Lebensmitteln wird hier nicht - wie oft im Elternhaus - als Machtkampf erlebt, sondern fungiert selbst als Spielwiese.

Die Fragen stellte TV-Redakteurin Ilse Rosenschild.