Kultur dahin bringen, wo sie gebraucht wird

Kultur dahin bringen, wo sie gebraucht wird

Musik im Krankenhaus: Klingt erst einmal ungewöhnlich, ist in Wittlich jedoch äußerst erfolgreich. Seit 15 Jahren finden im St.-Elisabeth-Krankenhaus von September bis April Konzerte statt. Ins Leben gerufen hat sie Musiktherapeut Theo van der Poel. In dieser Woche wird Jubiläum gefeiert: Am Donnerstag findet das 100. Konzert statt.

Wittlich. Dass Musik heilende Wirkung haben kann, ist bekannt, aber dass Musiker ins Krankenhaus eingeladen werden, um dort Konzerte zu geben, ist immer noch eine Seltenheit. Nicht so in Wittlich: Dort sind die Klinikkonzerte zu einer Institution geworden. 99 Konzerttermine gab es schon davon. "Die Konzerte und die Musik im Haus sind wie kleine Lichtscheine, über die Patienten, Ärzte und Mitarbeiter im Nachhinein oft noch lange sprechen", sagt Sabine Zimmer, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit des Verbundkrankenhauses.
500 Künstler auf der Bühne


Thomas Schwab und Patricia Kelly waren schon da, auch bekannte Musiker der Region wie Didi Könen und Anne Kaftan. Hinzu kamen Chöre, Pianisten, Streicher und Blasmusiker. Bei rund der Hälfte der Konzerte wird klassische Musik gespielt. Außerdem stehen Rock, Blues, Liedermacher, zeitgenössische Musik, Tango und experimentelle Auftritte auf dem Programm. Insgesamt haben bei den Klinikkonzerten rund 500 Künstler auf der Bühne im Raum hinter der Cafeteria gestanden, einige Male waren es sogar Ärzte aus dem eigenen Haus. Theo van der Poel, Musiktherapeut und Achtsamkeitstrainer des Verbundkrankenhauses erzählt: "Wir haben exzellente Musiker in den Reihen unserer Ärzte, die hier auch schon einmal auftreten." Besonders ist für ihn die Atmosphäre, in der sich Mitarbeiter, Ärzte und Patienten bei den Konzerten begegnen. "Alle kommen freiwillig. Es gibt ihnen Kraft, viele Patienten machen sich extra fein dafür, lassen sich beispielsweise ein gutes Hemd von zu Hause mitbringen." Beobachtet hat er auch, dass kranke Menschen oft offener sind und sich auf die Musik einlassen. "Wenn man krank ist, beginnt man oft Dinge aus anderen Blickwinkeln zu sehen, und interessiert sich für Sachen, für die man vorher vielleicht keine Zeit oder Muße hatte", so der Experte.
Gerade bei den Patienten der psychiatrischen Abteilung, bei denen er eigentlich Auffälligkeiten bei einer solchen Veranstaltung vermuten würde, sieht er wie die Musik beruhigend wirkt und sich bei ihnen etwas bewegt. "In der darauffolgenden Therapiestunde frage ich dann auch, was die Musik ausgelöst hat." Weiter führt van der Poel aus: "Auch für Menschen, die rein körperlich erkrankt sind, ist es gut, wenn sie im Krankenhaus etwas finden, was gesund ist - so wie die Musik." Zu den Konzerten kommen zwischen 50 und 80 Gäste, in Ausnahmefällen auch mal 120, wenn beispielsweise ein großer Chor kommt, der schon einige Leute mitbringt. Inzwischen sind die Konzerte auch bei den Musikern sehr beliebt, so dass Theo van der Poel schon welchen absagen musste, weil es mehr Anfragen als Termine gab.
Zudem möchte er keine elektrisch verstärkte Musik bei den Konzerten, wenn beispielsweise mit Synthesizern gearbeitet wird. "Mir ist wichtig, dass hier naturbelassene Musik gemacht wird", betont er. Für das Verbundkrankenhaus entstehen durch die Klinikkonzerte kaum Kosten. Die Musiker spielen ohne Gage. "Wir ermutigen die Musiker auch, dass sie sich bei uns ausprobieren, was rege genutzt wird. Es gab beispielsweise schon Mitspielkonzerte, Malen zur Musik, sogar Kanarienvögel als Mitmusiker."
In Zukunft will man die Konzerte noch mehr mit medizinischen Themen verknüpfen, so wie beim 100. Konzert bei dem Vortrag und Musik aufeinander abgestimmt sind.
Am Mittwoch, 18. Januar, findet von 17 bis 18 Uhr ein Vortrag zum Thema "Religion und Psychiatrie" statt und anschließend spielt um 19.30 Uhr zum 100. Klinikkonzert der Pianist Pervez Mody"Skrjabin zwischen Wahn & Religion".

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