Kultur macht Arbeit und kostet Geld

Kultur macht Arbeit und kostet Geld

Konzertveranstalter, Galerien, Musiker, Schauspieler, Verlage, Autoren und viele andere verdienen im kulturellen Bereich ihr Geld. Dazu tragen auch Städte und Gemeinden bei, die in diese Sparte investieren, wie auch Wittlich. Die Ausstellungen und die Stadtbücherei sind dabei die Posten mit dem größten Minus. Das soll 2017 insgesamt mehr als 1,8 Millionen Euro betragen.

Wittlich. Wer sich bei den kostenlosen Großereignissen, die Wittlichs Vernissagen geworden sind, amüsiert, spricht nicht über Geld. Wer das mehrfach ausgezeichnete Angebot der Stadtbücherei nutzt, denkt nicht daran, dass er das nicht nur professioneller Bibliotheksarbeit zu verdanken hat, sondern der Bereitschaft, mehr als eine halbe Million Euro zuzuschießen. Aber mindestens ein Mal im Jahr muss über Geld gesprochen werden. Dann kommen die Haushaltspläne auf den Tisch. Müsste darüber eine zeitgenössische, künstlerische Arbeit gemacht werden, könnte sie "Fehlbedarf" heißen. Der Titel wäre fast allgemeingültig für öffentliche Finanzen. Denn wer als Privater zur Bank gehen muss, sagt jedenfalls nicht: "Ich habe einen Fehlbedarf", wenn sein Konto ins Minus gerutscht ist. Aber wenn Verwaltungen rechnen, steht genau das oft unterm Strich: Finanzmittelfehlbedarf. Das Gegenteil heißt übrigens Finanzmittelüberschuss. Hört man seltener. Und zwar insbesondere im kulturellen Bereich. Was die öffentliche Hand angeht, ist ein Soll alias Fehlbedarf bei der Kultur an der Tagesordnung. Dass das Ganze dabei enorm entgleisen kann, zeigt sich aktuell in den Ereignissen rund ums Trierer Theater. In Wittlich ist man weit davon entfernt, ein Theater unterhalten zu wollen und zu können. Aber die Kreisstadt investiert engagiert in den "weichen Standortfaktor" und leistet Kulturarbeit, die wie fast allerorten mehr kostet, als sie einbringt. Eine Übersicht über den Sachstand liefert nun der Haushaltsentwurf, wobei die Kultur dort "Teilhaushalt Fachbereich 3" heißt. Und wer dort auf die Spalte des Jahres 2017 schaut, sieht, dass ganz unten für die Stadt Wittlich ein Minus von 1,84 Millionen Euro steht, Tendenz für die Folgejahre: fallend. Im Kulturetat sind die größten Minusposten die Stadtbücherei mit mehr als einer halben Million Euro und der Ausstellungsbereich mit 390 000 Euro.94 000 Besucher im Jahr

Zum Vergleich: Allein für das Vitelliusbad rechnet man 2017 mit einem Minus von 780 000 Euro oder für das Sportzentrum daneben mit 246 000 Euro, fürs Eventum minus 230 000 Euro im Jahr. Zu den beiden zentralen Blöcken wird auch ein Jahresrückblick vorgelegt, der die umfangreichen Arbeitsfelder wie etwa die landesweit erfolgreichste Lesesommeraktion, zusätzliche Vorträge und Lesungen, Führungen und Extras wie die Herausgabe des Wittlicher Wörterbuchs oder die Kulturtage-Angebote zum Motto "Coming home" dokumentiert. Es gibt auch blanke Zahlen. So punktet die Stadtbücherei mit rund 94 000 Besuchern im Jahr. Dagegen hat sich das Alte Rathaus trotz wechselnder Ausstellungen und zahlreicher Führungen nicht zum Publikumsmagneten entwickelt: 2015 zählte man an 275 Öffnungstagen 2948 Besucher, 2016 bei 290 Tagen (Stand 17. November) gab es 2755 Besucher. Bis dato hatte man in dem neuen Museum mit Munzlingers Werken, der Casa Tony M., 454. Die Ausstellungsräume wurden im Juli eröffnet: Zur Vernissage auf dem Marktplatz kamen mehr als 400 Menschen. Meinung

Hallo Seniorenparadies?!Die Stadt legt ordentlich was drauf, um ein kulturelles Angebot vorzuhalten. Dass das eckiges Geld kostet, ist nichts Neues. Einem Teil der Bürger ist das völlig egal, vermutlich den meisten. Andere sind empört, dass Zahlen öffentlich benannt werden, als sei das irgendwie schlimm oder etwas, für das man sich schämen müsse. Andere, die oft gar nicht wissen, was fürs Geld geleistet wird, wollen alles als überflüssig abschaffen. Wer braucht schon Ausstellungen? Ohne Top-Bücherei wird Wittlich nicht untergehen! Stimmt nicht ganz. Es wäre ein absolutes Armutszeugnis, hätten die Säubrenner für Kulturelles nichts mehr übrig, denn tatsächlich ist das mehr als ein Bildungsangebot und Imagepflege. Jedoch muss auch hier in irgendeiner Form die Leistung stimmen und immer wieder überdacht werden. So hat man nach jahrelangem Schönreden und gewagten Schätzungen endlich valide Zahlen zum Interesse an Ausstellungsbesuchen - mittlerweile mit Eintritt. Und: Die bewegen sich nach oben! 2012, als erstmals wirklich gezählt wurde, waren es nur 1404 Besucher (noch ohne Eintritt!) Jedoch ist noch sehr viel Luft nach oben. Ein Blick nach Traben-Trarbach zeigt das. Dass dort Schulklassen zwecks Ausstellungen hinfahren, wäre auch mal für Wittlich gut. Denn weniger als zehn Besucher täglich sind schlicht zu wenig. Und wenn schon Aufwand: Für Wittlichs Jugend kann kulturell noch einiges passieren. Dass junge Menschen Wittlich als "Seniorenparadies" betiteln, darüber kann man auch mal laut nachdenken. Vielleicht mal in anderen Köpfen. Vielleicht sind die Entscheider schlicht zu alt und eingefahren, um da noch zu wissen, was man tun könne. Vielleicht sogar im Ausstellungsbereich. Der Kino-Wunsch wird wohl Traum bleiben. Das ist sicher alles leicht gesagt, aber - warum nicht? s.suennen@volksfreund.deExtra

Gerundete Jahresergebnisse: Ausstellungen im Alten Rathaus, der Synagoge und neuerdings Casa Tony M.: -390 000 Euro; Theater für Kinder/Erwachsene: -14 000 Euro, Musikpflege (Musical Magics, Vereine, Chöre): -25 000 Euro; Zuschuss Musikschule des Landkreises: -17 000 Euro; Volkshochschule mit Wittlich-Land: -29 000 Euro; Stadtbücherei: -540 000 Euro; Heimatpflege (wie Weiberdonnerstag, Gedenktage): -36 000 Euro; Zuschüsse Karnevals umzüge: -3800 Euro; Förderung Musikkreis und Jazzclub: -40 000 Euro; Städtepartnerschaften: -10 000 Euro; Denkmalpflege für Wegekreuze, Kapellen, Römische Villa: -77 000 Euro.