Kunst, die aus der Sprühdose kommt

Kunst, die aus der Sprühdose kommt

Der Charme von dunklen, schmutzigen Bahnunterführungen haften dem Begriff Graffiti an. Allerdings können die bunten Bilder aus der Sprühdose auch moderne Effekte ins Wohnzimmer zaubern. Dafür sorgt unter anderem Jonas Eberle. Der Wittlicher Kulturförderpreisträger zeigt seine Graffiti-Bilder nun in der Kreisverwaltung.

Wittlich. Jonas Eberle (25) ist nicht der Typ Graffiti-Sprayer, der nachts mit der Sprühdose um die Häuser zieht. Er sprüht seine Bilder nur dort auf, wo es erlaubt ist. Und nicht nur auf öffentliche Wände, sondern auch in der eigenen Werkstatt auf Leinwand oder Karton. Mit zehn Jahren hat er begonnen, sich für Graffiti zu interessieren. Damals hat er erst mit Stiften auf Papier gemalt. Er arbeitete Schriftzüge aus, versah sie mit Effekten und kreierte sein eigenes Pseudonym: "Kaye". Er war 16, als er zum ersten Mal zur Dose griff und seinen Namen an Wände sprühte. Mit offizieller Erlaubnis gestaltete er zwei Unterführungen in Wittlich, eine Stellwand im Stadtpark und eine hinter dem Haus der Jugend. 2012 erhielt er den Kulturförderpreis des Landkreises für seine Werke.
In den vergangenen fünf Jahren haben sich seine Arbeiten verändert. Die Bilder sind bunt und poppig, beliebig scheinende Formen sind durchbrochen von akkurat gezogenen Linien - typisch für Graffiti. Eberle mischt abstrakte Formen mit realistischen Darstellungen, mixt Acrylfarben mit Kreide, Tinte, Sprühlack und Stiften. Als Untergrund wählt er mal Leinwand, mal Papier, mal Karton, der aus dem Altpapier stammt. Rückstände wie Klebeband integriert der 25-Jährige. Als Motiv wählt der Künstler gern Gesichter, Menschen, Körper, viele muten an wie Werbeplakate.
Mit seinen Werken geht Jonas Eberle selbst hart ins Gericht, auch wenn er sie bereits in seiner vierten Ausstellung zeigt. Sein Ziel ist es, so zu malen, dass er selbst mit dem Ergebnis zufrieden ist. "Es gibt Leute da draußen, die das ganz okay finden, was ich mache", erklärt er bescheiden. So selbstkritisch der Kulturförderpreisträger ist, so publikumsscheu ist er auch, und deshalb möchte er sein Gesicht auch nicht in der Presse zeigen - passend zum Image eines Graffiti-Sprühers, der lieber unerkannt bleiben will.
Noch ist Eberle dabei, seinen Weg zu suchen. Ein Kunststudium könnte ihm dabei helfen, allerdings lehnt es der 25-Jährige ab, sich etwas vorgeben zu lassen. Er will tüfteln und eigene Lösungen finden. Auch mit dem Begriff Kunst kann sich Eberle nicht anfreunden. Er sagt, in ihm stecke die Meinung, dass es auf der anderen Seite die allgemein gültige Kategorie Nichtkunst gäbe. Die Beurteilung, was Kunst oder Nichtkunst sei, liege aber allein im Auge des Betrachters. Eberle bezeichnet sich konsequenterweise auch nicht als Künstler. Er hat sich entschieden, Englisch und Philosophie zu studieren. In Mainz arbeitet er derzeit an seiner Staatsexamensarbeit.
Seine Bilder zeigt Jonas Eberle in der Kreisverwaltung Wittlich. Die Ausstellung ist bis zum 25. April, montags bis donnerstags von 7 bis 18 Uhr und freitags von 7 bis 15 Uhr, zu sehen.

Extra

Graffiti - ein komisches Wort, auch wenn ihr es bestimmt schon oft gehört habt. Es ist italienisch (Einzahl Graffito), kommt aber vom griechischen graphein. Das bedeutet schreiben. Bereits die Menschen in der Antike haben Nachrichten und Bilder an Wänden hinterlassen. Heute schreiben die Menschen mit Farbe aus Sprühdosen, sprühen also auf Wände. Deshalb nennt man sie Sprayer (englisch für Sprüher). Das kommt aus Amerika, wo Graffiti in den 1970er Jahren ein Ausdruck von politischem Protest war. Später wurde es in den USA sogar zur anerkannten Kunstform. Das Sprühen auf Hauswände, Züge, in Unterführungen und Stromkästen ist bei uns verboten, wenn man die Flächen nicht ausdrücklich für Graffiti nutzen darf. Das ist eine Sachbeschädigung. Deshalb empfinden viele Menschen Graffiti auch nicht als Kunst. Was Jonas Eberle macht, ist anders. Er nutzt für seine Bilder eine Unterführung in Wiesbaden. Dort darf jeder sprayen. Allerdings werden so die Bilder auch schnell übermalt, manchmal sogar schon am nächsten Tag. Für viele Sprayer gehört es dazu, ein Foto von ihren Bildern zu machen. Manche malen richtige Bilder, mache auch nur Schriftzüge. Außerdem signieren, unterschreiben sie die Bilder. Diese Unterschrift nennt man Tag. sys/red