Leben lernen auf altem Geflügelhof
Wederath · Auf einem ehemaligen Bauernhof bei Wederath startet im kommenden Jahr eine Gruppe zur intensiven Betreuung von verhaltensauffälligen Jugendlichen. Die Betreiber stellten bei einer Versammlung ihr Konzept vor und beantworteten Fragen von Wederather Bürgern.
Wederath. Die Wiesbadener Jugendhilfe "Evangelischer Verein innerer Mission" (Evim) startet in Wederath im kommenden Jahr eine Wohngruppe. Auf dem Marienhof, einem ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesen 600 Meter vor der Wederather Ortsgrenze, werden künftig vier Jungen im Alter ab zwölf Jahren intensiv betreut. Auf einer Bürgerversammlung stellten Klaus Friedrich, Regionalleiter der Evim für den Bereich Mainz-Hunsrück, und Volker Brücker, künftiger Teamleiter in Wederath, ihr Projekt vor.
Bei den Jugendlichen handelt es sich in der Regel um Jungen, die in keiner anderen Jugendeinrichtung gehalten werden können, mehrere Beziehungsabbrüche erlebt haben, keine Schule besuchen oder Verhaltensauffälligkeiten aufweisen. Die 20 erschienenen Bürger sorgten sich um die Sicherheit in Wederath.
Was passiert, wenn die Jungen Mülleimer anzünden, was, wenn sie Bänke auf die Straße stellen und ein Auto verunglückt? "Man hat das ja schon aus anderen Orten gehört. Die büxen aus und machen Dummheiten", sagte eine Frau aus Wederath. Friedrich sagte, dass man so etwas natürlich nie ausschließen könne. In dem Fall käme die Evim für etwaige Schäden auf. Allerdings handelt es sich bei den Jungen, die im Marienhof betreut werden, "nicht um kriminelle Bastarde", sondern um Kinder, die sich nicht in eine Gruppe integrieren können und eine enge Bezugsperson brauchen
Die beiden Jungen, die bis zur Fertigstellung des Marienhofs mit den Sozialarbeitern bereits in Morbach erleben, seien eher liebesbedürftig und hängen am Rockzipfel der Betreuer. "Die Kinder haben noch nie acht Stunden mit einem Elternteil verbracht", sagte Friedrich. Die Defizite liegen daher nicht in einer kriminellen Energie, sondern in der Entwicklung der Jungen. "In anderen Projekten haben wir Dreizehnjährige dabei, die können weder einen Nagel in ein Stück Holz schlagen noch sich die Schnürsenkel binden", sagt Friedrich.
Das Besondere an dem Modell, das in Wederath eingeführt wird, ist die Betreuung der Jugendlichen: Für die maximal vier Jungen in der Intensivbetreuung steht ein Team von vier Personen zur Verfügung. Je zwei Betreuer wechseln sich im Wochenrhythmus ab. Rund um die Uhr leben immer zwei Betreuer mit den vier Jugendlichen familienähnlich zusammen. Sie kochen, essen und arbeiten gemeinsam. Die Jugendlichen sollen an Tagesstrukturen herangeführt und auf einen Schulbesuch vorbereitet werden. Zusätzlich übernehmen sie Aufgaben auf dem Hof. Ziel ist, die Kinder so weit zu führen und zu entlassen, dass sie als Erwachsene selbstständig sind. In einem zweiten Schritt sollen auf dem Marienhof Appartements entstehen, in dem die Jugendlichen nach dem Abbau ihrer Defizite weiter leben können. Dann kann sich die Anzahl der Jungen auf sieben erhöhen..
Keine kriminellen Bastarde
Der ehemalige Geflügelhof, den die Evim zehn Jahre gemietet hat, wird wohl im Frühjahr bezogen, wenn in dem rund 50 Jahre alten Gebäude notwendige Arbeiten zum Brandschutz und zur Wasserversorgung beendet sind. Dann soll es einen Tag der offenen Tür geben Man wolle sich mit den Kindern im Dorf integrieren, sagte Brücker.
Offenbar kam die Vorstellung des Projektes bei den Einwohnern gut an: Die beiden Mitarbeiter von Evim wurden mit Applaus verabschiedet. Der Wederather Erwin Flesch hatte erst Bedenken, weil "wir nicht wussten, wer kommt", sagte er. "Aber wenn es solch harmlosen Kinder sind, wie es die beiden Mitarbeiter von Evim beschrieben haben, darf man dem nicht im Weg stehen", sagte er. cst