"Leben wir hier hinterm Mond?"

Gerhard Lenssen steht täglich per E-Mail und Chat in Kontakt mit seinen fünf Kindern, 13 Enkeln sowie sechs Urenkeln. In seiner Heimatstadt Bernkastel-Kues stört ihn, dass es nur einen kostenlosen W-Lan-Hotspot gibt, über den er mit seinem Tablet-Computer drahtlos surfen kann. Der TV hat die drahtlosen Internet-Hotspots der Region aufgespürt.

Bernkastel-Kues/Wittlich. Er chattet mit seinen Enkeln und steht mit ehemaligen Arbeitskollegen über E-Mail in Kontakt: Für den 92-jährigen Gerhard Lenssen aus Bernkastel-Kues gehört eine schnelle Internetverbindung zur Grundversorgung. Er ist tagtäglich auf das Netz angewiesen, um mit seinen Verwandten in Kontakt zu bleiben oder um auf der Videoplattform Youtube seine Filme hochzuladen. "Mit meiner Familie stehe ich zum größten Teil über Whats app in Kontakt, wo wir im Chat schreiben und alle mitlesen können", sagt Lenssen.
Kostenloses Netz in Afrika



Im öffentlichen Raum nutzt der 92-Jährige Tablet und Smartphone, über die er mit den Familienmitgliedern kommuniziert, jedoch nur, wenn ihm ein kostenloses W-Lan-Netz zur Verfügung steht. "Das Internet gehört meiner Meinung nach zur Grundversorgung wie Wasser und Strom", sagt Lenssen, der bei keinem Anbieter einen Vertrag zur mobilen Internetnutzung abschließen mag. "Mein Sohn ist gerade in Namibia, einem Entwicklungsland. Aber selbst da stehen ihm überall kostenlose W-Lan-Hotspots zur Verfügung", sagt Lenssen. Seine Enkelin habe ihm kürzlich aus Ulan-Bastor in der Mongolei berichtet, dort gebe es ebenfalls flächendeckend freie Internetzugangspunkte. Lenssen: "Leben wir hier denn eigentlich hinter dem Mond?"
Das derzeitige Angebot der Tourist-Information in seiner Heimatstadt erachtet der 92-Jährige als umständlich und unzureichend. Denn um den W-Lan-Hotspot rund um die Tourist-Information Bernkastel-Kues eine halbe Stunde kostenlos zu nutzen, müsste er zunächst dort seine Personalien angeben und sich einen Zugangscode abholen. "Wer macht das denn, wenn er mit Freunden am Tisch sitzt?" fragt Lenssen. "Diese Methode erinnert mich an den Brückenzoll von fünf Pfennigen, den man im Mittelalter bezahlen musste." Ein Tourist werde sein Smartphone wohl eher resigniert einstecken, meint Lenssen.
Doch ab Mai steht dem 92-Jährigen im Stadtteil Bernkastel zumindest ein flächendeckendes W-Lan-Netz zur Verfügung. Denn die Tourist-Info lässt 25 Zugangspunkte an Laternenmasten im Stadtteil Bernkastel aufhängen. "Wir richten das so ein, dass man sich zwischen den einzelnen Zugangspunkten frei bewegen kann", sagt Jörg Lautwein, Geschäftsführer der Tourist-Information. Das Projekt kostet 25 000 Euro und soll den Gästen der Stadt das Surfen im Internet angenehmer machen. Die Zugangscodes werden dann sowohl von der Tourist-Information sowie den Cafés, Restaurants, Hotels und dem Einzelhandel der Stadt bereitgestellt.
Ein vollkommen freies Netz ohne Zugangscodes und vorherige Identifikation der Nutzer, wie es sich der 92-Jährige wünscht, sei rechtlich jedoch nicht möglich, weiß Lautwein. "Sonst hafte ich als Anbieter des Netzes, wenn jemand darin Unfug treibt und illegale Inhalte runterlädt."
Lenssen hält diese Zugangsbarrieren mit den Codes jedoch für umständlich. Zudem ist ihm die rechtliche Haftung des Netzanbieters für das Treiben der W-Lan-Nutzer ein Rätsel. "Dann müsste die Stadt ja auch für jeden Diebstahl haften", sagt Lenssen. Denn sie stelle dem Dieb ja schließlich die Straße und die Straßenbeleuchtung zur Verfügung, um den Tatort zu erreichen.
Lenssens Sorgen sind dem niederländischen Touristen Robbert Hageraats, der mit seiner Fotokamera durch Bernkastel-Kues schlendert, in seiner Heimat fremd. "In den Niederlanden bieten mittlerweile die meisten Städte kostenlose W-Lan-Hotspots an", erklärt Hageraats. Auf den öffentlichen Plätzen vieler Städte im Nachbarland könne man ohne Zugangscode direkt lossurfen.
"Für uns Niederländer ist das ganz normal", sagt der 53-Jährige. "Hier in Deutschland sieht es damit schlecht aus."
Extra

Freie W-Lan-Hotspots sind rar gesät. Im Landkreis Bernkastel-Wittlich bietet die Stadt Wittlich zwei Zugangspunkte in der Bibliothek sowie im Kreishaus an. In Bernkastel-Kues kann man rund um die Tourist-Information surfen. In Traben-Trarbach gibt es zwei Hotspots, an der Moselbrücke sowie um die Tourist-Information. Wie die örtlichen Fremdenverkehrsämter mitteilen, sind im Hunsrück keine W-Lan-Hotspots bekannt. Darüber hinaus gibt es zum Surfen jedoch unzählige private Angebote von Cafés, Hotels, Banken und vielen weiteren Anbietern. Im flächenmäßig größten Kreis von Rheinland-Pfalz, dem Eifelkreis Bitburg-Prüm mit seinen 1600 Quadratkilometern Fläche, stehen den Besuchern gerade mal zwei kostenlose W-Lan-Hotspots zur Verfügung. Diese sind beide in der Stadt Bitburg, an der Hauptstraße sowie im Bereich Rathaus, zu finden. In der Vulkaneifel sieht es nicht besser aus. Dort stehen den Besuchern nur im Umkreis der Tourist-Infos Daun und Hillesheim drahtlose Internetzugänge zur Verfügung. In Gerolstein suchen Gäste einen Zugangspunkt vergeblich. cmoExtra

An W-Lan-Hotspots kann man unterwegs mit dem Handy, Tablet oder dem Laptop ins Internet gehen. Jeder kann an diesen drahtlosen Internetzugriffspunkten surfen - häufig jedoch nur gegen Bezahlung. Die meisten öffentlichen Hotspots zum Surfen findet man in Ämtern, Bibliotheken, Krankenhäusern, Flughäfen, Bahnhöfen oder auf großen Plätzen. An einem Hotspot können sich viele Leute einwählen und lossurfen. Kostenlos kann man dort meist nur eine halbe Stunde pro Tag surfen, danach wird es teuer. cmo

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