Leidet Tourismus unter Windkraft?

In Morbach sind die Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien Anziehungspunkt für Menschen aller Kontinente. Welche Auswirkungen Windräder auf den Tourismus haben und wie Entscheidungsträger und gastronomische Betriebe damit umgehen sollen, haben Vertreter von Kommunen und Tourismus in Morbach diskutiert.

Morbach. Welche Auswirkungen haben die erneuerbaren Energien auf die touristische Attraktivität der Region? Zu dieser Frage hat die Energieagentur Region Trier (Eart) eine Fachtagung in der Morbacher Baldenauhalle organisiert. 60 Personen aus Kommunen und Touristik diskutierten die verschiedenen Aspekte des zweischneidigen Themas. "Der Windradausbau wird kommen", sagt Achim Hill von der Eart.
Es gebe Touristen, die der Anblick der weißen Räder mit den drei Rotorblättern nicht stört und die sich daran gewöhnen. Auch der wirtschaftliche Aspekt müsse beachtet werden. "Wovon wollen die Kommunen noch leben?", fragt er. Diese müssten die sich bietenden Chancen nutzen und Windräder verträglich und mit Augenmaß errichten.
Landrat Gregor Eibes sieht dies ähnlich. "Die Energiewende ist beschlossen, und ohne Windkraft ist diese nicht umsetzbar", sagt er. Dabei seien Standorte mit guter Windhöffigkeit, wie sie auf den Mittelgebirgen zu finden sind, zu bevorzugen.
Windkraftanlagen sollten dort aber nicht im Wildwuchs, sondern konzentriert errichtet werden. Dort müsse man die Konflikte eingehen, die sich mit der Kombination Windkraft und Fremdenverkehr ergeben. "Wir schaffen es nicht, dass der Hunsrück so wie die Mosel vom Tourismus leben kann", sagt er. Hotels und Regionen könnten allerdings auch von der Energiewende profitieren, wenn sie sich die regenerativen Energien zu eigen machen und hervorheben. Das sieht Gereon Haumann, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Rheinland-Pfalz und bis vor kurzem Geschäftsführer des Familienhotels Hochwald in Horath, anders. "Ich habe Sorge, dass der Tourismus durch die Energiewende in den ländlichen Bereichen unter die Windräder kommt." Die Reisemotive für Menschen, die in Hunsrück und Eifel reisen, seien die unverbaute Natur und die Landschaftsbilder. "Wenn Windräder so schön sind, warum bauen wir sie dann nicht auf die Höhen der Mosel?", fragt er provokant. Er fordert, dass die touristischen Interessen gleichrangig zu den wirtschaftlichen Aspekten der Windräder geprüft werden müssen. Hotels, Gaststätten und Pensionen erbringen auch Arbeitsplätze und Steuereinnahmen, "doch die Höhe der Gewerbesteuern sieht man nicht."
40 000 faszinierte Besucher


Marc Hüllenkremer, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Thalfang, gefallen die Windräder zwar nicht, "aber sie sind mir tausendmal lieber als ein Atomkraftwerk." Er denkt, dass sich die unterschiedlichen Aspekte des Tourismus und der Windenergie miteinander vereinbaren lassen. Der Buchautor Martin Frey hat bereits einen Reiseführer "Deutschland - erneuerbare Energien entdecken" herausgebracht. Zwei darin beschriebene Reiseziele finden sich auch in der Region: Der Hunsrücker Windweg bei Heidenburg, auf dem die Aspekte der Windenergie auf fantasievolle Weise dargestellt werde. 40 000 Menschen aus 103 Ländern haben bisher die Energielandschaft besucht, sagt der Morbacher Bürgermeister Andreas Hackethal. "Morbach ist durch die neuen Energieanlagen international attraktiv", sagt er. Dies werde durch Einrichtungen wie die Erlebnisbunker, in denen die erneuerbaren Energien und der Kalte Krieg erläutert werden, ergänzt. Von den vielen Besuchern profitiere auch die lokale Gastronomie.Meinung

Landschaft in Bewegung
Landschaft ist mehr als eine geologische Formation. Die Gegend, in der wir aufgewachsen sind, prägt uns. Ich komme aus Südhessen, dort steht in der oberrheinischen Tiefebene weithin sichtbar das Kernkraftwerk Biblis. Viel dominierender als der größte Windpark. Hat es die Landschaft zerstört? Nein, es ist wie Brücken, Straßen, Hochhäuser, Kirchen, Fabriken zu einem Teil der Landschaft geworden. Ich finde das Kernkraftwerk deshalb nicht schön, habe es oft als bedrohlich empfunden und bin froh, dass es stillgelegt wurde. Fakt ist aber, dass wir alle in einer sich entwickelnden Landschaft leben. Wenn Bauwerke seit 200 Jahren prägend sind, finden wir sie oft schön, wenn sie seit 50 Jahren da sind, haben wir uns daran gewöhnt, aber bei allem Prägnanten, was neu ist, fürchten viele den Untergang des Abendlandes. Aber: Wer die Energiewende will, muss auch Windräder an den Stellen zulassen, wo Wind weht. In 100 Jahren sind die dann noch übrigen Rotoren vielleicht sogar, wie Windmühlen in Holland, Landmarken in der Mittelgebirgslandschaft. l.ross@volksfreund.de Wenn ich von der Mosel über den Hunsrück Richtung Simmern/Rheinböllen fahre, bin ich jedesmal entsetzt. So weit das Auge reicht, sieht man auf der gesamten Strecke riesige Masten, an deren Spitzen sich Rotoren drehen. Es ist nicht mehr die sanfte, hügelige, teils bewaldete, teils offene Hunsrücklandschaft, die ich einmal kannte. Eine solche optische Umwandlung einer ganzen Region in so kurzer Zeit hat es noch nie gegeben. Der Protest gegen diesen Wahnsinn hält sich (noch) in Grenzen und ist im Vergleich zu der Empörung über den gigantischen Bau der Hochmoselbrücke nur ein laues Lüftchen. Auch diese Riesenbrücke verändert das Landschaftsbild enorm, aber "nur" punktuell zwischen Rachtig und Ürzig. Und dabei sind viele Brückengegner gleichzeitig Befürworter von Windrädern, auch wenn diese unsere ländlich geprägten Mittelgebirgslandschaften verschandeln. Das kann ich nicht begreifen. Und die Kommunen? Sie wittern das große Geld, koste es was es wolle. Den Verantwortlichen in den Gemeinden kann ich nur zurufen: Stoppt diesen Wahnsinn! w.simon@volksfreund.de

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