Liebe ohne Leiden?
Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden - heißt es in Udo Jürgens' bekanntem Schlager. Vor dem Hintergrund meiner Lebensgeschichte ist dieser Wunsch eine "Illusion" , denn ich erlebe Liebe und Leid als zwei treue Weggefährten.
Aufgrund meines Glaubens kann ich dies positiv deuten.
Wir Christen stehen am Tor zur Karwoche. Der Kernpunkt unseres Glaubens, das Leiden und Sterben Jesu, rückt unausweichlich in unser Blickfeld. Mit dem Palmsonntag beginnt die Heilige Woche, in deren Mitte der Schmerz des Karfreitags und die Leere des Karsamstags stehen werden. Ob wir wollen oder nicht, wir werden mittendrin sein, denn die Leidensgeschichte Jesu kennt keine Zuschauer. Die Passion kennt nur Beteiligte. Wir sind hineingenommen als Verräter und Verratene, als Spötter und Verspottete, als Schläger und Geschlagene.
Der Kreuzweg Jesu ist auch in unser Leben eingraviert. Jeder von uns schreibt seine eigene Lebensgeschichte, in der wir einen Gott an unserer Seite wissen, der einer von uns ist, der nicht am Leiden der Menschen vorbeigegangen ist. Er hat am eigenen Leib erfahren, was Angst heißt und was Schmerzen bedeuten. Die Menschen der Antike glaubten, Gott könne aufgrund seines göttlichen Wesens nicht leiden und schon gar nicht sterben. Im christlichen Glauben jedoch offenbart das Kreuz, dass Gott durch sein Leiden und Sterben keinen Funken seiner Göttlichkeit einbüßt, und die unendliche Liebe Gottes. Wir Christen glauben an einen Gott, der uns Menschen liebt und deshalb verwundbar ist. Die kommende Woche wird uns neu vor Augen führen, dass die Liebe jeden verwundbar macht, auch Gott. Nur wer fähig ist zu leiden, kann auch lieben.
Judith Honrath ist Pastoralreferentin im Dekanat Bernkastel