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Maria Reese und ihr kurzes Berufsleben als Lehrerin

Geschichte : Ein kurzes Berufsleben als Lehrerin

Die Journalistin und Politikerin Maria Reese aus der Eifel arbeitete auch als Pädagogin. Was ihr dort widerfuhr, schildern zwei Episoden.

  Maria Reese, geborene Meyer, war Journalistin, Redakteurin, Autorin, Verlegerin und vor allem Politikerin. Am Anfang und Ende ihres Berufslebens war sie jedoch Volksschullehrerin, wenngleich nur für jeweils kurze Zeit. Nach ihrem Lehrerinnenexamen in Koblenz 1911 bleibt ihr die gewünschte Anstellung in Lüxem verwehrt – der Ortsgeistliche hatte sie abgelehnt.

Von 1914 bis 1917 kann sie in Schladt und Landscheid (beides liegt heute in der Verbandsgemeinde Wittlich-Land) als Vertretungslehrerin unterrichten. Weil sie gegen die Misshandlung von Kriegsgefangenen protestiert, wird sie vom Kriegsgericht zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt und aus dem Schuldienst entlassen.

Im Spätsommer 1944, als Maria Reese wieder in Lüxem wohnt, bewirbt sie sich um eine Lehrerstelle im Kreis Wittlich. Auf Vorschlag von Schulrat Grauvogel sollte sie wieder nach Schladt kommen – dieses Mal erhebt NSDAP-Kreisleiter Kölle Einspruch – wegen „politischer Unzuverlässigkeit der früheren Kommunistin“.

Verhaftung und Internierung 1946-1948: In Cloppenburg hat sie nach Kriegsende bessere Karten. Mit Unterstützung des Ministerpräsidenten für Oldenburg, Theodor Tanzen, den Reese aus gemeinsamer Abgeordnetenzeit kannte, erhält Reese eine Zusage, Mitte Juni 1946 in Wilhelmshaven eine Stelle antreten zu können. Zur gleichen Zeit stirbt in Lüxem Reeses Mutter Katharina. Die Tochter fährt zur Beerdigung und wird wenige Tage später von einer Frau bei der französischen Militärpolizei als „Kommunistenfresserin“ denunziert und ins Wittlicher Gefängnis gebracht. Über Diez kommt sie schließlich in die Festung Landau. Bis zum 22. Mai 1948 muss Reese dort unter menschenunwürdigen Bedingungen verbringen. Erst die Intervention von Pfarrer Heinrich Schneider zusammen mit dem Schweizer Roten Kreuz bringt ihr die Freiheit. Reese, die sich schon lange permanent von rachsüchtigen kommunistischen Spitzeln umzingelt fühlt, will die französische Besatzungszone rasch verlassen, weil sie eine Verschleppung in die sowjetische Besatzungszone fürchtet. In Wilhelmshaven erfährt sie, dass ihre Stelle inzwischen besetzt ist. Reeses „Entnazifizierung“ bereitet keine Probleme. Ende August 1948 stuft sie die Spruchkammer Cloppenburg als „nicht betroffen“ ein.

Lehrerin in Wilhelmshaven (1949-1954): Reese wendet sich direkt an Kultusminister Adolf Grimme. Wie in vielen anderen Schreiben auch legt sie ihre Biografie als Opfergeschichte dar, wobei das Schicksal ihres 1944 standrechtlich erschossenen Sohnes Harro-Dagobert stets besonders eingehend geschildert wird. Zu Recht verweist sie darauf, dass die fehlende zweite Lehrerprüfung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts für Frauen noch nicht gefordert war, kein Hinderungsgrund für eine Anstellung sein könne.

Schließlich sei sie fünf Jahre Mitglied im Bildungsausschuss des Reichstages gewesen und habe 15 Jahre Bildungskurse in der Arbeiterbewegung abgehalten. Im Februar 1949 kann Reese – inzwischen 60 Jahre alt – ihre Arbeit an einer Flüchtlingsschule im Barackenlager Fedderwardergroden in Wilhelmshaven aufnehmen. Ein Jahr später wird sie an die Volksschule Allerstraße im Süden Wilhelmshavens versetzt.

Ihr neuer Schulleiter und der Großteil der Eltern scheinen – folgt man den überlieferten Dokumenten – durchaus angetan gewesen zu sein von Reeses Elan beim Unterrichten und ihrem herzlichen Umgang mit den Kindern. Aber auch ihre energische Art wird mehrfach lobend hervorgehoben. Besonders gute Fortschritte werden ihr bei der Festigung der Rechtschreibung bescheinigt. Deutlich anders fallen die Hospitationsberichte des Kreisschulrates aus: „Frau Reese ist außerordentlich fleißig in ihrer Vorbereitung auf den Unterricht, aber ihre Schrift ist geradezu liederlich, und die Tafelarbeit läßt sehr zu wünschen übrig. Ihr Ton ist recht herb, fast scharf. Sie selbst spricht sehr viel, von den Kindern habe ich wenig gehört. Nach meinem Eindruck glaube ich nicht, daß sie bei ihrem Alter noch eine brauchbare Lehrerin werden wird.“ Ein anderer Bericht bemängelt: „Ihre Sprache ist zu schnell und zu laut – ganz die Art einer Volksrednerin.“

Als Reese Anfang 1950 zu einer anderen Schule versetzt werden soll, erhebt sie selbst Einspruch, und ihr Schulleiter stellt sich voll hinter sie: „Zwischen der evangelischen Elternschaft und der katholischen Lehrerin besteht ein gutes Einvernehmen. Ich schätze Frau Reese sehr, weil sie trotz ihres vorgerückten Alters voll Aktivität, jugendlicher Begeisterung und Aufgeschlossenheit für Reformgedanken ist.“ Reese gelingt es sogar, mit einer amerikanischen Schule in Kontakt zu treten. Mit ihrer Klasse hatte sie ein Freundschafts-Album gestaltet, und ihre Partner jenseits des Atlantiks hatten sich mit einem ähnlichen, selbst gefertigten Band bedankt. In einem Schreiben an das Kultusministerium fragt sie sogar nach finanzieller Unterstützung für eine Begegnungswoche und merkt zu der Gestaltung ihres Albums an: „Ich bin nur ein Talent und keineswegs eine künstlerische Begabung, aber ich kann eins gut: aus meinen Kindern alles herausholen, was in ihnen steckt!“

Ein Konflikt eskaliert: Konflikte mit Eltern bleiben auch bei Reese nicht aus. So beschwert sich ein ehemaliger Kapitän zur See namens Giessler direkt bei der Schulaufsicht, weil Reese seiner Tochter aufgrund wiederholter Unterrichtsstörungen eine Strafarbeit verpasst hatte. Reese zur Stellungnahme aufgefordert, reagiert äußerst entschieden, weil ihr vor allem der von dem Vater an den Tag gelegte Ton zuwider ist und dieser auch Konsequenzen für die Lehrerin gefordert hatte. Der Konflikt eskaliert. Der Kapitän a.D., Vorsitzender der Wilhelmshavener „Notgemeinschaft ehemaliger berufsmäßiger Wehrmachtsangehöriger“, sah in Reeses Antwort eine „Beleidigung eines ganzen Berufsstandes“. So hatte Reese unter anderem geschrieben: „Nicht die Remilitarisierung ist das Gefährlichste, sondern die geistige Haltung dieser Militaristen. Wenn wir ihnen nicht überall dort, wo wir sie in dieser Haltung antreffen, entgegentreten, dann werden wir bald wieder dort sein, wo wir ins Unglück rannten. Für das Vaterland und Volk leistet der Schulmeister doch Erhebliches mehr als der Militarist. Inwiefern soll er ihm eine besondere Ehre erweisen?“. Der Kapitän a.D. muss klein beigeben – die Schulbehörde forderte eine Entschuldigung gegenüber Reese, die der Mann jedoch verweigerte.

Keine Dienstverlängerung: Maria Reese, die als nicht verbeamtete Lehrerin mit wenigen Dienstjahren nur eine geringe Altersversorgung zu erwarten hatte, will noch über das 65. Lebensjahr hinaus unterrichten. Dieser Wunsch wird ihr versagt, und sie muss zum April 1954 ausscheiden. Maria Reese zieht nach Gerolstein und im Sommer 1957 nach Trier, wo 1919 ihre politische Karriere begonnen hatte. Nach einer Darmkrebsoperation in Bonn kehrt sie nicht mehr zurück nach Trier, sondern wohnt bei Kreisinspektor Hans Salis in Zell. Ihre letzten Tage verbringt Maria Reese im „Fürstenzimmer“ des alten Zeller Krankenhauses, wo sie am 9. Oktober stirbt.