1. Region
  2. Mosel, Wittlich & Hunsrück

Markus Lorenz aus Morbach war alkoholabhängig, jetzt ist er trocken

Alkoholmissbrauch : Vom langen Weg aus der Sucht – Markus Lorenz aus Morbach war alkoholabhängig, jetzt ist er trocken und hilft anderen

Markus Lorenz aus Morbach war viele Jahre alkoholabhängig, jetzt ist er trocken – und betreut eine Selbsthilfegruppe.

Der 21. März 2017 ist für Markus Lorenz aus Morbach ein ganz wichtiges Datum. Es ist quasi sein zweiter Geburtstag. Denn seit diesem Tag trinkt der 48-Jährige keinen Alkohol mehr. Keine Flasche Bier, keinen Schluck, keinen Tropfen.

„Es gibt nicht nur Wege in die Sucht, sondern auch aus der Sucht heraus.“ Das ist seine eigene Erfahrung. Und die möchte er mit Menschen mit ähnlichen Problemen teilen. Denn inzwischen ist der gelernte Elektroinstallateur Gruppenleiter bei der Selbsthilfegruppe Kreuzbund Morbach und will andere Menschen bei ihrem Weg aus der Sucht unterstützen. Und das muss auch nicht unbedingt Alkoholsucht sein, auch Abhängigen von Medikamenten, illegalen Drogen oder auch Spielsucht „öffnen wir die Türen“. Doch dazu später mehr.

Bis zu diesem 21. März 2017 war es ein langer Weg. Lorenz verlor seine Ehefrau, mehrfach seinen Führerschein, viel Geld, zwischenzeitlich seine Selbstachtung und beinahe auch seine Arbeit.

Wie alles begann Alkohol spielt für für den jungen Markus Lorenz lange keine Rolle. Seine Mutter trinkt ab und zu mal ein Glas Rotwein. Als 13- oder 14-Jähriger probiert er „mal am Glas meiner Mutter, aber es schmeckt mir überhaupt nicht“. Mit 17 Jahren trinkt er nach eigenen Angaben sein erstes Bier nach einem Fußballspiel. „Es schmeckt mir und macht mich locker.“ Die Stubbis nach dem Training und nach dem Spiel gehören später einfach dazu. Und wenn er ausgeht, probiert er wie viele andere in Kneipen und Discos auch Mixgetränke und Cocktails. Die Wirkung des Alkohols sei zunächst positiv gewesen, das schlägt erst später um. Mit 18 macht er seinen Führerschein. Für ihn beginnt ein Gefühl der Freiheit – auch in Sachen Alkohol.

Er trinkt an den Wochenenden und kommt „erst samstagmorgens voll gesoffen nach Hause“. Zunächst ist es „Erleichterungstrinken“, dann trinkt er aus Gewohnheit, analysiert er später selbst. Am Abend vor Fußballspielen hält er sich zurück. „Und unter der Woche trinke ich nie.“ Später, bei der Bundeswehr lernt er „Disziplin, Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit“ und „natürlich wird auch viel gesoffen“, aber sein Alkoholkonsum sei gesunken. Und er trinkt nach eigener Aussage nicht aus Frust, sondern aus Fröhlichkeit.

1995 lernt er seine künftige Frau kennen. Das Paar zieht zu den Schwiegereltern, heiratet 1998 und bekommt eine Tochter. „Ich war zu dieser Zeit wirklich glücklich.“ Dennoch ist der Alkohol sein ständiger Begleiter. Und die Mengen nehmen zu. 2006 „beginnen die Kontrollverluste. Ich trinke nach der Frühschicht jetzt schon sechs bis acht Flaschen Bier“, erzählt Lorenz schonungslos. Inzwischen verdient er als Lagerist sein Geld. Die Ehe kriselt. Es gibt Streit um Kleinigkeiten und um den Alkoholkonsum. Wegen vieler Verletzungen gibt er das Fußballspielen auf. Die sozialen Kontakte schränkt Lorenz massiv ein. Es wachsen die Selbstzweifel. „Wieso haben andere einen guten Beruf, ein Haus, warum funktioniert bei anderen alles besser?“, fragt er sich immer häufiger.

Der Anfang vom Ende Bei einer Weihnachtsfeier seiner Firma verpasst er die Abfahrt des Busses Richtung Heimat, „weil ich noch nicht genug hatte“. Er trinkt weiter – und wird morgens um 4.30 Uhr „auf einer Kuhwiese wach“. Er fühlt sich „hundeelend voller Angst und Zweifel, Wut, Hass, Selbstmitleid“. Diese Nacht, so sagt er später, sei das Ende seiner Ehe gewesen.

Und er trinkt weiter, hat die Situation nicht mehr im Griff. Jeden Tag erlebt er Kontrollverluste. Erheblich angetrunken fährt er eines Nachts zur Tankstelle, um Zigaretten zu kaufen. Die Polizei hält ihn an. Das Ergebnis: 1,6 Promille. Der Führerschein ist weg. Dennoch will „ich nicht wahrhaben, ein Alkoholiker zu sein“. In seinen Augen seien Alkoholiker die „gewesen, die auf der Parkbank schliefen“. Da es ohne Auto auf dem Land erheblich schwieriger ist, „Stoff“ zu besorgen, beginnt er Flaschen aus dem Weinkeller des Schwiegervaters zu stehlen.

In der Firma gibt es eine Abmahnung, weil er alkoholisiert zur Arbeit kommt. Er fällt mehrfach durch die Medizische.Psychologische Untersuchung (MPU) und muss weiter auf seinen Führerschein verzichten. Erneut wird er auf der Arbeit betrunken erwischt. Seinem Chef sagt er zu, dass er sich professionelle Hilfe holt. Und er tut es auch. Erste Anlaufstelle ist das Gesundheitsamt. Im Januar 2013 geht’s zur Therapie. Seine Frau trennt sich von ihm. Er sucht sich eine Wohnung in Morbach, fängt wieder an zu arbeiten und besuchte eine Selbsthilfegruppe. Er lernt neue Leute kennen, treibt Sport und sieht auch seine Tochter regelmäßig.

Der Rückfall Er lernt eine Frau kennen. Die Beziehung geht in die Brüche. Er kauft sich zwei Six-Packs Bier und trinkt zwei Flaschen auf ex sowie acht weitere. Er fährt nach Trier, und „ich haue mir die Hucke zu“. Die Polizei hält ihn erneut an. Zum zweiten Mal ist der Lappen weg. Der Alkoholkonsum nimmt wieder zu: „Ich wollte zum wiederholten Mal aufhören, aber die Sucht war stärker als ich.“ Zuvor lernt er erneut eine Frau kennen, seine heutige Lebensgefährtin. Auch sie wird mit seiner Krankheit konfrontiert. Gemeinsam feiern sie Silvester. Sie kauft fürs Fest Alkohol. Für ihn sei das kein Problem, er werde lediglich ein Glas Sekt trinken, versichert er. Doch es kommt anders: Er trinkt drei Flaschen Sekt, eine Flasche Batida de Coco und eine Flasche Kindersekt.

Die Situation spitzt sich zu. Nach einem heftigen Streit wirft er die Freundin aus der Wohnung. Eine Bekannte trifft sich mit ihm, will mit ihm sprechen. Sie fragt ihn: „Willst Du leben oder sterben?“ Ein Satz, der ihn tatsächlich erreicht – ein entscheidender Satz. Noch am gleichen Tag fährt sie ihn nach Wittlich ins Krankenhaus zur Entgiftung, anschließend geht es in die zweite Therapie.

Heute Inzwischen ist er seit drei Jahren trocken. Und er weiß, dass er sein Leben lang alkoholabhängig sein wird. „Ja, ich akzeptiere meine Krankheit.“ Rückblickend sagt er: „Herauskommen aus der Sucht ist absolut nicht einfach, es gehört Mut dazu, Eigenmotivation und professionelle Hilfe.“ All dies hat er gehabt. Jetzt möchte er anderen helfen.

Markus Lorenz Foto: Markus Lorenz

Seit 2018 ist Markus Lorenz Gruppenleiter der Selbsthilfegruppe Kreuzbund in Morbach. Üblicherweise trifft man sich einmal die Woche. Wegen Corona sind diese Treffen leider nicht möglich. Doch allein lassen möchten er und seine Verlobte Jessica, mit der er gemeinsam die Gruppe leitet, die Suchtkranken nicht. Die beiden bieten deshalb eine telefonische Sprechstunde an (siehe Extra) .