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Mehr als nur zur falschen Zeit am falschen Ort: Sechs Monate Gefängnisstrafe erwarten Wittlicher für Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz

Mehr als nur zur falschen Zeit am falschen Ort: Sechs Monate Gefängnisstrafe erwarten Wittlicher für Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz

Zur falschen Zeit am falschen Ort gilt in diesem Prozess nicht nur für den Angeklagten, sondern auch für eine Information, die ins Amtsgericht Wittlich zehn Minuten zu spät kommt, um den Prozess noch zu beeinflussen. Wegen Missbrauch von und Handel mit Betäubungsmitteln ist ein Wittlicher zu sechs Monaten Gefängnisstrafe verurteilt worden.

Als die Kripo Wittlich einen in Wittlich ansässigen Mieter festnimmt, ist der nun Angeklagte zu Besuch. Aber beim Aufstehen von der Wohnzimmercouch hinterlässt er in der Couchritze ein Döschen, dessen Inhalt sich als LSD herausstellt. Unter der Couch finden die Polizeibeamten dann noch 0,1 Gramm Amphetamine. Fast rücken diese Tatbestände bei einer gut besuchten Verhandlung in den Hintergrund. Denn Teile des Publikums machen sich immer wieder lautstark bemerkbar: Da ist die Rede von "Kopfgeld" und "dem Verräter von Wittlich".

Das sagt der Angeklagte: Der Angeklagte räumt zügig ein, verschiedene Drogen besessen zu haben. Die LSD-Pillen seien allerdings nicht seine gewesen, bekräftigt er. Aus dem Publikum raunt es erstmalig: "Klar waren das deine!" Verteidiger Winfried Schabio beschwichtigt den Angeklagten, sich nicht provozieren zu lassen. Hier geht's um einen Mann in den 40ern, der einschlägig vorbestraft und seit 2002 betäubungsmittelabhängig ist. Das schlechte Klischee vom arbeits- und ausbildungslosen ehemaligen Sonderschüler gilt hier leider. Seit wenigen Monaten ist er verheiratet. Er wolle "seinem Leben eine neue Richtung geben", sagt er in ruhigem Ton und schaut seiner Frau in die Augen.

Das sagen die Zeugen: "Er hat sich hin und her bewegt, als brüte er ein Ei aus", sagt ein Zeuge von der Kriminalpolizei. Beide der vorgeladenen Beamten schildern, wie sie den Angeklagten auf der Couch vorfinden, während sie eigentlich zur Festnahme einer anderen Person in deren Mietwohnung sind. Die Drogen sind in unmittelbarer Nähe, sodass die Polizisten den Angeklagten sofort als Besitzer mit diesen in Verbindung bringen - auch aufgrund seiner Vorgeschichte mit einschlägigen Straftaten.

Alle Fragen scheinen geklärt, als die als Zeugen vorgeladenen Polizisten den Saal verlassen. Doch einer von ihnen rauscht Minuten später wieder durch die Tür: "Ich habe eine Information, die für das Verfahren entscheidend ist." Demzufolge gibt es eine kurze Unterbrechung, in der sich Staatsanwalt, Polizist und Richterin besprechen. Eine Wende wird die Info an diesem Tag nicht mehr bringen. Zehn Minuten zu spät, denn Anklagepunkt eins, auf den sich die Information bezog, war kurz zuvor vom Staatsanwalt eingestellt worden. Dafür werde es ein erneutes gesondertes Verfahren geben, erklärt Staatsanwalt Gravemeyer später auf TV-Anfrage und lässt durchblicken, dass die neuen Erkenntnisse den Angeklagten erneut unter Druck setzen werden.

Gleichzeitig, während der Unterbrechung, gibt es Tumulte vor dem Gerichtssaal. Verschiedene Zuschauer und die Frau des Angeklagten streiten sich lautstark, sie müssen räumlich getrennt werden. Während alle anderen Zuschauer für die Unterbrechung vor der Tür bleiben, darf sie, Tränen überströmt, wieder rein.

Sie wendet sich an ihren Mann, man hätte ihr gedroht, von einem "Kopfgeld" auf den Angeklagten sei die Rede gewesen und dieser sei ein "Verräter". Der Angeklagte greift das Thema später vor Gericht wieder auf und bestätigt, dass er im Gefängnis als Verräter gelte, weil er mit der Polizei kooperiert habe, um andere Drogendelikte aufzuklären. Klar wird, viele Freunde hat der Angeklagte nicht im Publikum - das zahlenmäßig bei vielen Verhandlungen deutlich geringer ausfällt.

So urteilt das Gericht: Die Verhandlung wird wieder mit allen Zuschauern fortgesetzt und Richterin Köhler kommt zügig zu einem Urteil: Hatte Staatsanwalt Gravemeyer noch acht Monate gefordert, erhält der Angeklagte sechs Monate Haft für den zweifachen Besitz von Betäubungsmitteln und mindestens siebenfachen Handel mit diesen. "Eigentlich dachte ich, sie sähen, dass ihre Kooperation mit Strafmilderung honoriert wird", sagt Köhler, als der Angeklagte sich sichtlich enttäuscht abwendet, kindlich die Arme verschränkt ins Leere schaut. Für ihn stellt es sich als doppelte Niederlage dar, denn er sieht sich und seine Frau in vermeintlicher Gefahr.