Mein Hermann, der Dauerglüher
Inzwischen weiß ich, auf der Kirmes gibt es Vorglüher und Taschentrinker. So charakterisiert man im Morbacher Rathaus zwei verschiedene Trinkertypen. Mein Hermann gehört eindeutig zu den Vorglühern.
Obwohl, wenn ich es richtig betrachte, ist er an der Kirmes ein Vor-, Zwischen- und Nachglüher. Wie ich darauf komme? Das ist doch sonnenklar: Am Freitagabend beim Fassanstich glüht er vor, und am Kirmesdienstag wird noch nachgeglüht. Und dazwischen glüht er wie verrückt.
Ein kleines bisschen fühle ich mich da ja schon benachteiligt. An der Morbacher Kirmes haben alle frei - gefühlt zumindest -, nur ich muss arbeiten. Hier ein klein wenig majen, dort die Ohren aufstellen, damit mir bloß nichts entgeht. Meine bessere Hälfte meint, das sei meine zweite Natur. Dabei ist das wirklich Arbeit.
Die Nachbarin hatte jetzt eine gute Idee. Ihr Mann macht immer so einen auf Bildung. Neulich waren die beiden ein Wochenende in Stuttgart. Sie hätte natürlich gern mal einen Stadtbummel gemacht, aber nein, er schleppt sie ins Literaturmuseum ins nahe gelegene Marbach. Ihr wisst schon, Schillers Geburtsort und so. Als ob der Mann noch nie ein Buch gesehen hätte! Begeistert war sie nicht gerade. Aber dann erzählte sie mir etwas von einem Poesie-Automaten, der da im Museum steht. Wenn man da auf einen Knopf drückt, entsteht vollautomatisch ein neues Gedicht. "Vielleicht gibt's das ja auch für Zeitungsartikel", überlegte sie laut beim Kaffeetrinken: "Ein Knopfdruck, Liss, und Du bist fertig mit der Arbeit."
Das ist ja schon ein verführerischer Gedanke, so eine Maschine zu haben. Zumindest an der Kirmes, wenn alle anderen eher auf Knopfdruck Berg-und-Tal-Bahn fahren wie meine Melli oder Biergläser stemmen wie mein Hermann. Aber wenn ich's mir so recht überlege: Der Automat wüsste ja nichts vom Geschmack des ersten Kirmesbiers am Freitagabend, von der super Musik an den Bühnen, dem guten Tropfen in Pastors Pfarrgarten, von den Ex-Morbachern, die von überall her in den Hunsrück zurückkommen, vom ach so schönen Kirmesmontag und und und…
Da schreibe ich dann doch lieber selbst, auch in diesen Tagen,
meint Eure