Mejn Biewel

Das Jahr der Bibel geht in die zweite Jahreshälfte. Trotz des täglichen Lesens von Teilen der Bibel, Durchstöbern von Buchläden nach neuen Bilderbibeln, Besuch der Bibelbox auf dem Kirchentag in Berlin und Diskussionen über Bibelplakate ist die moselfränkische Bibel von Josefine Wittenbecher diejenige Bibel, die mich am meisten bewegt und anspricht.

Als Moselaner, der mit "Muuselfränkisch" aufgewachsen ist, rührt diese Bibel Seiten in mir an, die ich noch nicht entdeckt hatte: neue Zugangsweisen zu Textstellen der Bibel, die ich mir oft mühsam durch Bibelkommentare erschlossen hatte und Verständnis für die Menschen meiner Heimat. Denn jetzt weiß ich, wie sie die Texte der Bibel, mit ihren sparsamen, aber doch treffenden moselfränkischen Worten und Ausdrücken verstanden haben könnten. Jeder Winzer der Mosel versteht zum Beispiel die in der Bibel beschriebene "Hygienevorschrift" anlässlich der Hochzeit von Kana: "... die Juden woaren joa grailich piedelich mät ihren Vierschrifden fiert Sauwerhalen..." Nur Einheimische verstehen die Beschreibung von Typen, wie sie Josefine Wittenbecher beschreibt: die knuselich Kerlen, die unkolewiert Kerlen, sturpänzisch Hernerbeck oder die Übersetzung von Hirten als Schiewer. Durch die Übersetzung der Bibel ins Moselfränkische entsteht für die Menschen, die diese Sprache verstehen, eine Nähe zu dem Gesagten, als sei der Erzähler unmittelbar neben ihm. Ihm glaubt man, was er erzählt, er ist ja einer von ihnen. Gleichsam augenzwinkernd und verständnisvoll zunickend erreicht ihn das Erzählte, auch wenn es aus dem Orient und aus der Heimat von Jesus kommt. Wenn für viele Gläubige die Bibel "ein Buch mit sieben Siegeln (Offb 5,1)" ist, weil sie nur schwer Zugang zu zahlreichen Bibeltexten finden, sei es, dass sie in einer uns fremden Welt und Kultur niedergeschrieben wurden, sei es, dass sie mit Erwartungen an den Text herangehen, die völlig an der Aussageabsicht des Verfassers vorbeizielen, oder sei es, dass viele eine Beispielgeschichte als Tatsachenbericht verstehen, so könnte die "Wittenbecherbibel" für die moselfränkisch Verstehenden mindestens eines oder mehrere der sieben Siegel aufbrechen helfen. Die Geschichten der Bibel beschreiben unter anderem die Schwierigkeiten der Menschen mit Gott. Es sind die Geschichten einer langen und komplizierten Beziehung, wie sie auch das Leben schreibt. Kein Mensch kann die Bibel letztlich begreifen. Begreifen kann sie nur der, der sich von ihr ergreifen lässt. Dieses Ergriffensein von der Bibel im Jahr 2003, mein Zufluchtsort, mein "Gehaichnis" finde ich in der moselfränkischen Bibel von Josefine Wittenbecher. Günther Zisch, Diakon